<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>Reformpflege &#187; Demenz</title>
	<atom:link href="http://www.reformpflege.de/category/demenz/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>http://www.reformpflege.de</link>
	<description>Neue Wege in der Pflege</description>
	<lastBuildDate>Wed, 05 Feb 2025 19:52:25 +0000</lastBuildDate>
	<generator>http://wordpress.org/?v=2.9.2</generator>
	<language>en</language>
	<sy:updatePeriod>hourly</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>1</sy:updateFrequency>
			<item>
		<title>Stockholm-Syndrom</title>
		<link>http://www.reformpflege.de/2014/06/stockholm-syndrom/</link>
		<comments>http://www.reformpflege.de/2014/06/stockholm-syndrom/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 30 Jun 2014 19:48:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Oliver Zajac</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Demenz]]></category>
		<category><![CDATA[Pflege]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.reformpflege.de/?p=721</guid>
		<description><![CDATA[Manchmal setzen sich eigentlich und in dieser Zeit ganz selbstverständliche Wahrheiten nur sehr zögerlich durch, auch wenn man sie immer und immer wieder in den Zeitungen oder auf den Webseiten liest und eine dieser Wahrheiten ist &#8211; Achtung, Zitat!:
&#8220;Es geht zunehmend vor allem um die Frage, wie viel Geld der Patient einbringt. Und nicht mehr [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Manchmal setzen sich eigentlich und in dieser Zeit ganz selbstverständliche Wahrheiten nur sehr zögerlich durch, auch wenn man sie immer und immer wieder in den Zeitungen oder auf den Webseiten liest und eine dieser Wahrheiten ist &#8211; Achtung, <a href="http://www.sueddeutsche.de/leben/pflegende-angehoerige-wo-bleibt-die-wut-1.2006094" target="_blank"><span style="text-decoration: underline;">Zitat!</span></a>:</p>
<p>&#8220;Es geht zunehmend vor allem um die Frage, wie viel Geld der Patient einbringt. Und nicht mehr vorwiegend darum, welche Therapie der Patient wirklich benötigt und auch verträgt.&#8221;</p>
<p>Eine dieser schlichten Wahrheiten, die uns eigentlich ganz geläufig sein sollten, dennoch aber immer wieder erstaunen, auch und gerade, wenn sie durch Zahlen und Fakten belegt wird, wonach in Deutschland im europäischen Vergleich viel zu viel operiert wird, viel zu viele Medikamente verordnet werden, für die deutsche Krankenkassen und Patienten gemessen an den Preisen im europäischen Ausland auch noch viel zu viel bezahlen müssen.</p>
<p>Und vermutlich gibt es zwei Gründe, warum ausgerechnet diese schlichte Wahrheit sich nicht durchsetzen kann, sie immer noch nicht geglaubt wird, obwohl eigentlich ein Jeder weiss oder wissen könnte, dass sie wirklich wahr ist.</p>
<p>Zum einen ist es die besondere Situation, in welcher der Einzelne oder der Patient gerät, sobald er aufgrund eines Defektes, körperlicher oder psychischer Art, professioneller Hilfe bedarf. Und eigentlich müsste man schreiben, dass er in diesem speziellen Falle der professionellen Hilfe nicht nur bedarf, sondern ihrer sogar bedürfen muss, da ihm keine andere Alternative bleibt ausser vielleicht den Defekt zu ignorieren, was in den allermeisten Fälle zur Folge hätte, dass der Defekt, sei es ein Blinddarmdurchbruch, eine Leistenhernie, eine Krebserkrankung, eine Psychose oder was auch immer sich nurmehr verschlechtert, was sich letztendlich und ziemlich todsicher zu einer Existenzbedrohung auswachsen würde. Will und kann der Patient also nicht mehr ignorieren, muss er der Behandlung bedürfen, sieht er sich einem medizinisch-pharmazeutischen Apparat gegenüber, den er nicht im Mindesten durchschaut. Er weiss in der Regel nicht, wie sein Defekt am besten zu behandeln ist; er weiss nicht, welche Behandlungsalternativen es gibt; er weiss nicht, welche Erfolgsaussichten verschiedene Behandlungsarten haben, welche Risiken sie bergen, noch welche Kosten ihm, der Krankenkasse oder der Allgemeinheit erwachsen. Der Patient ist ahnungslos, er ist hilflos oder mit einem anderen Wort: er ist ausgeliefert.</p>
<p>Und eben dieses Ausgeliefert-Sein ist vermutlich die Ursache für den zweiten Grund, weswegen er der oben genannten schlichten Wahrheit nur ungern Glauben schenkt, denn wenn er schon ausgeliefert ist, so wünscht es sich der Patient, dann möchte er natürlich keinem Halunken ausgeliefert sein. Er möchte vielmehr Menschen ausgeliefert sein, die es gut mit ihm meinen, die das Bestmögliche für ihn unternehmen, ihm den Defekt nehmen, ohne ihm andere Defekte zuzufügen. Der Patient möchte gerne glauben, dass die Vertreter des medizinisch-pharmazeutischen Apparates ihm wohlgesonnen sind.</p>
<p>Was der Patient hierbei nur zu gern ausblendet ist, dass der medizinisch-pharmazeutische Apparat unter einem ökonomischen Primat steht. Deutschland hat immer noch zu viele Krankenhausbetten, viele Krankenhäuser arbeiten defizitär, der Kostendruck ist enorm, was nicht wenige Häuser zwingt, den Umsatz pro Patient zu maximieren und zwar unabhängig von der therapeutischen Notwendigkeit oder des besseren medizinischen Wissens.</p>
<p>Der Patient ist in einer Situation, in die er sich nicht freiwillig begeben hat, sondern durch einen Defekt gezwungen wurde, in der er sich einer undurchschaubaren Macht ausliefern musste, sein Wohl und Wehe von einer Gewalt abhängig macht, deren Motivation wenn überhaupt nur partiell im Interesse des Patienten ist, denn der Patient hat kein unmittelbares Interesse daran, dass die Klinik an ihm möglichst viel Umsatz erwirtschaftet, er hat immer nur ein Interesse daran, dass er möglichst schnell wieder gesund wird. Es gibt wenige vergleichbare Situationen und zumal in dieser existenzbedrohenden Ausprägung eigentlich nur eine, in der ein Mensch gegen seinen Willen in die Gewalt anderer Menschen gezwungen wird, deren Denken und Handeln er nicht durchschaut und von denen er sich erhofft, sie würden sich in seinem Sinne, zu seinem Wohl einsetzen, obwohl er eigentlich wissen sollte, dass dem nicht so ist: und das ist die Situation einer Geisel, die dem Geiselnehmer ähnlich machtlos ausgeliefert ist, von ihm abhängig gemacht wurde, dessen Denken und Handeln er nicht durchschauen kann, da sie anderen Motivationen folgen, die nicht die seinen sind und von denen er nur hoffen kann, dass sie ihm wohlgesonnen bleiben, obwohl sie höchstens gleichgültig sind.</p>
<p>Beide, der Patient und die Geisel, befinden sich in ihrer Situation aus Angst vor einer körperlichen oder psychischen Versehrtheit, und beide, der Vertreter des medizinisch-pharmazeutischen Komplexes und der Geiselnehmer, versuchen aus dieser Angst den maximalen Profit zu ziehen. Und beide Situationen, die des Patienten und der Geisel, sind geprägt durch einen grösstmögliche Asymmetrie, der Machtlosigkeit auf der einen und der Allmacht auf der anderen Seite. Was aber macht aus einem Menschen eine Geisel oder Patienten? Im Falle der Geisel scheint der Fall klar, zu einer Geisel wird ein Mensch, indem er sich durch unmittelbare Gewaltandrohung dem Willen eines anderen Menschen unterwirft. Wie verhält es sich aber bei einem Patienten? Wird er zur Geisel des Apparates allein durch seinen Defekt? Oder durch die aus Lobbyinteressen gestrickte Gesundheitspolitik, die danach trachtet, ihn, den Patienten, möglichst unmündig und ahnungslos zu halten, so dass er sich gar nicht wehren kann? Oder sind es wir alle, wir Geiseln des Apparats, die aus Patienten Geiseln machen, weil wir immer wieder die Erwartungen des Apparats erfüllen, brave Geiseln zu sein.</p>
<p>(Mehr zum Thema findet sich <a href="http://www.arztwiki.de/wiki/Jan_Erik_D%C3%B6llein" target="_blank"><span style="text-decoration: underline;">hier</span></a>)</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.reformpflege.de/2014/06/stockholm-syndrom/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Und weil das so ist</title>
		<link>http://www.reformpflege.de/2014/04/und-weil-das-so-ist/</link>
		<comments>http://www.reformpflege.de/2014/04/und-weil-das-so-ist/#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 30 Apr 2014 20:06:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Oliver Zajac</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Ambulant]]></category>
		<category><![CDATA[Demenz]]></category>
		<category><![CDATA[Pflege]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.reformpflege.de/?p=706</guid>
		<description><![CDATA[Es gibt Heimleiter und Geschäftsführer in unserer so beschaulichen Branche, die behaupten allen Ernstes, wenn man alle Gesetze, Verordnungen und Richtlinien, die auf unsere beschauliche Branche Anwendung finden müssen, allesamt in handelsübliche Aktenordner heften würde, um sodann diese Aktenordnern mit all den Gesetzen, Verordnungen und Richtlinien Seite an Seite nebeneinanderzustellen, ergäbe sich eine ununterbrochene Aktenordnerstrecke [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Es gibt Heimleiter und Geschäftsführer in unserer so beschaulichen Branche, die behaupten allen Ernstes, wenn man alle Gesetze, Verordnungen und Richtlinien, die auf unsere beschauliche Branche Anwendung finden müssen, allesamt in handelsübliche Aktenordner heften würde, um sodann diese Aktenordnern mit all den Gesetzen, Verordnungen und Richtlinien Seite an Seite nebeneinanderzustellen, ergäbe sich eine ununterbrochene Aktenordnerstrecke von imposanten 60 Metern. So wie es auch Menschen gibt, die nicht müde werden zu behaupten, dass es nur noch eine andere Branche gebe als die unsere so beschauliche, auf die noch mehr Gesetze, Verordngungen und Richtlinien Anwendung finden müssen, und diese sei die Kernenergiebranche. Und es immer auch noch Menschen gibt, die behaupten, würden alle Heimleiter und Geschäftsführer dieser Republik alle Gesetze, Verordnungen und Richtlinien peinlichst genau beachten und einhalten, sie eigentlich gar nichts mehr anderes zu tuen hätten, als zu protokollieren und zu dokumentieren und überprüfen zu lassen, dass sie eben diese Gesetze, Verordnungen und Richtlinien peinlichst genau einhalten und zu sonst überhaupt nicht anderes mehr kämen, weshalb dieselben Menschen, die obiges behaupten, nicht selten auch behaupten, dass sie eigentlich in ihrer beruflichen Praxis immer mit einem Bein im Gefängnis stünden, weil sie aufgrund der unüberschaubar irrwitzigen Menge an Gesetze, Verordnungen und Richtlinien gar nicht wissen könnten, welche und wie viele dieser Gesetze, Verordnungen und Richtlinien sie gerade jetzt, in diesem Moment, in dieser Sekunde wieder gebrochen hätten, da sie einfach nur still da sassen.</p>
<p>Und weil die Einhaltung von Gesetzen, Verordnungen und Richtlinien natürlich kontrolliert werden muss, damit sie auch eingehalten werden, aber aufgrund der unüberschaubar irrwitzigen Menge an Gesetzen, Verordnungen und Richtlinien auch die Kontrolleure schon längst den Überblick verloren haben, da sie nicht mehr wissen, was von wem wann und wie zu kontrollieren ist und sie ausserdem behaupten, würden sie die Einhaltung der Gesetze, Verordnungen und Richtlinie peinlichst genau kontrollieren, sie gar nichts anderes mehr zu tuen hätten, als diese Kontrollen zu protokollieren und zu dokumentieren und überprüfen zu lassen, weshalb sie am Ende gar nichts mehr kontrollieren könnten.</p>
<p>Und weil das so ist, also die zu Kontrollierenden nichts mehr einhalten und die die Einhaltung Kontrollierenden nichts mehr kontrollieren können, haben sich schlaue Menschen überlegt, den irrwitzigen Wust an Gesetzen, Verordnungen und Richtlinien einfach und ziemlich nachhaltig abzuschaffen und zwar nicht indem sie den irrwitzigen Wust einfach mit Augenmass lichten sondern indem sie den Gegenstand der Gesetze, Verordnungen und Richtlinien einfach abschaffen, denn wenn es nichts zu Kontrollierendes mehr gäbe, so dachten sie sich, bräuchte es auch keine Gesetze, Verordnungen, Richtlinien und Kontrollen mehr.</p>
<p>Und weil diese grosse Abschaffung bereits mit den Atomkraftwerken so gut geklappt hat und wir jetzt endlich grünen und billigen Strom ziemlich teuer einkaufen dürfen, haben sich diese schlauen Menschen überlegt, gleich mit den Pflegeheimen weiterzumachen, weil sie hoffen, dass mit der Abschaffung der Pflegeheime auch die Notwendigkeit der Gesetze, Verordnungen, Richtlinien und Kontrollen gleich mit abgeschafft wird.</p>
<p>Und weil das so ist, haben sie sich daran gemacht, ein Gesetz zu basteln, welches ein erster Schritt zur Abschaffung der Pflegeheime sein soll, da es zum einen den irrwitzigen Wust an Gesetzen, Verordnungen und Richtlinien für die Pflegeheime nur noch verstärkt und zum anderen eine neue Form der stationären Pflege erfindet, für welche dieser irrwitzige Wust an Gesetzen, Verordnungen und Richtlinien nicht mehr gelten soll.</p>
<p>Und diese neue Form der stationären Pflege nannten sie Pflege-WG.</p>
<p>Und weil das so ist, denken sie jetzt in der Kernenergiebranche darüber nach, ihre Atomkraftwerke besser Windräder zu heissen.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.reformpflege.de/2014/04/und-weil-das-so-ist/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Die weisse Armee</title>
		<link>http://www.reformpflege.de/2013/05/die-weisse-armee/</link>
		<comments>http://www.reformpflege.de/2013/05/die-weisse-armee/#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 31 May 2013 21:14:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Oliver Zajac</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ambulant]]></category>
		<category><![CDATA[CareLab]]></category>
		<category><![CDATA[Demenz]]></category>
		<category><![CDATA[Pflege]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.reformpflege.de/?p=618</guid>
		<description><![CDATA[In einer arbeitsteiligen Welt ist Organisation alles. Das hat zur Folge, dass nicht alle alles machen sondern alle immer nur eines, das in der Kombination der vielen Einen ein Alles wird. Das ist spätestens nach Erfindung oder Verfeinerung des Fliessbandes durch Henry Ford eine Binsenweisheit. Der Gedanke hinter der Erfindung des Fliessbandes war das Trachten [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>In einer arbeitsteiligen Welt ist Organisation alles. Das hat zur Folge, dass nicht alle alles machen sondern alle immer nur eines, das in der Kombination der vielen Einen ein Alles wird. Das ist spätestens nach Erfindung oder Verfeinerung des Fliessbandes durch Henry Ford eine Binsenweisheit. Der Gedanke hinter der Erfindung des Fliessbandes war das Trachten nach einer grösstmöglichen Effektivität der Arbeit, das heisst eine Steigerung der Produktivität bei gleichzeitiger Senkung der Produktionskosten, wozu es notwendig war, dass der ökonomische Organismus, zu denen sich die vielen Einen zusammenschlossen, funktionierte, auch wenn die vielen Einen nicht wussten, was die vielen Anderen machten. Das mussten sie auch gar nicht wissen, sie mussten sich vielmehr darauf verlassen, dass es die Anderen wussten. Sie mussten sich darauf verlassen, dass die Organisation der vielen Einen so planvoll war, dass der Einen Einziges genau in das Ganze aller Einen passte. Das setzt voraus, dass einige für alle oder für das Ganze dachten und die Einen eben nicht denken oder nur ihr Eines denken mussten, so dass es in das Gedachte aller passte.</p>
<p>Diese Idee des blinden und ungedachten Funktionieren der Einen im Alles des von einigen Gedachten, das dazu führte, dass der Eine sich auf die vielen Anderen verlässt oder von ihnen verlassen wird, da er sich dem grossen Alles entfremdet, ist natürlich nicht vom Himmel gefallen, wie noch nie eine Idee überhaupt und ohne Weiteres vom Himmel gefallen ist, weil eine Idee immer ältere Ideen als Vorgänger hat, die immer nur neu kombiniert werden müssen, um zu neuen Ideen zu werden. Und eine dieser Vorgänger-Ideen geht zurück bis auf Alexander den Grossen oder gar Philipp von Makedonien, der etwas erfand oder entwickelte oder perfektionierte, was man das „Gefecht der verbundenen Waffen“ nennt, also das geplante und koordinierte Gefecht verschiedener spezialisierter Waffengattungen, wie der schweren Kavallerie, der Hopliten-Infanterie, den Bogenschützen aber auch den ersten Pioniereinheiten, die auf dem Schlachtfeld als die unterschiedlichen Glieder eines Armeekörpers koordiniert und taktisch als ein Ganzes agierten, obwohl sie Unterschiedliches taten. Der Erfolg dieses frühen Prinzips ist bekannt, es verlässt sich darauf, dass die Hierarchien klar sind, dass einige für alle und alles denken und jeder Eine sein Eigenes so wissen und ausführen musste, das es in das Gedachte aller passte.</p>
<p>Wenn man nicht nachdenken muss, was zu tun ist, ist man schneller. Und wenn man weiss, was man tut oder das Tun eingeübt und automatisiert ist, arbeitet oder kämpft man perfekter.</p>
<p>Das braucht man, um gute und kostengünstige Autos zu bauen.</p>
<p>Das braucht man, um siegreich zu sein.</p>
<p>Das braucht man, wenn man schnell und perfekt sein muss.</p>
<p>Das braucht man, wenn man schnell und perfekt sein muss und nicht alles alleine machen kann.</p>
<p>Und so wurde dieses Prinzip der militärischen Arbeitsteilung des Gefechts der verbundenen Waffen schon früh und weit vor der Erfindung des Fliessbandes durch zwei bestimmte Branchen kopiert und in deren Sinne verfeinert, die beide zufälligerweise mit verderblichen Waren befasst sind, die eine in der unmittelbaren Lebensmittelzubereitung und die andere in der Wiederherstellung oder Pflege von Gesundheit. Es ist kein Zufall, dass grosse Küchen und zumal Feinschmeckerküchen organisiert sind wie kleine Armeen. Diese <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/K%C3%BCchenbrigade" target="_blank"><span style="text-decoration: underline;">Küchenbrigaden</span></a> müssen perfekt und schnell zusammenarbeiten, sie stehen unter hohem Geschwindigkeits- und Perfektionsdruck im Zusammenspiel aller Spezialisten in der Suppen-, Gemüse-, Saucen-, Gemüse- und Beilagenzubereitung der einzelnen Posten des Potagers, des Sauciers, des Légumiers und des Entremetiers, um nur einige der kochenden Spezialisten zu nennen, die in strenger und klarer Hierarchie untereinander stehen, an deren Spitze der Chef de Cuisine wacht zusammen mit seinem Stab, dem Sous-Chef, seinem Stellvertreter, und den einzelnen Leitern eines Postens, die jeweils den Rang eines Chef de Partie bekleiden. Gute Küche arbeitet schnell und präzise und je erfahrener die einzelnen Posten besetzt sind, je routinierter, raffinierter und perfekter sie miteinander als ein Ganzes agieren, das vom Küchenstab und dessen Chef gedacht und geplant worden ist, desto kürzer wartet und desto besser isst der Gast.</p>
<p>Noch augenscheinlicher wird die militärische Arbeitsteilung bei der Betrachtung des medizinisch-pflegerischen Komplexes, der sein Schlachtfeld, das Krankenhaus, gewissermassen als eine weisse Armee betritt. An ihrer Spitze findet sich die medizinische Generalität, die Chefärzte mit den leitenden Oberärzten, welche den einzelnen spezialisierten Abteilungen vorstehen, gefolgt von den Stations- und Assistenzärzten, die wiederum die einzelnen Kompanien, die Stationen führen und somit das eigentliche Offizierskorps der weissen Armee nach unten hin abgrenzen. Bis 2004 kannte auch diese Armee noch den Posten des Arztes im Praktikum, der zur Erlangung seiner Approbation ein 18monatiges Praktikum absolvieren musste und deshalb durchaus als Offiziersanwärter oder als eine Art Oberfähnrich der weissen Armee betrachtet werden konnte. Unter dem Offizierskorps der Ärzte dekliniert der medizinisch-pflegerische Komplex die Ränge der Unteroffiziere, an ihrer Spitze stehen die Pflegedienstleitungen oder auch die Hauptfeldwebel, welche den Offizieren unterstehen, aber ihrerseits die Frauschaftsgrade der eigentlichen Truppe anführen. Es folgen den Hauptfeldwebeln die Unteroffiziere, die Stations- oder Schichtleitungen des Pflegedienstes, sodann die Dienstgrade der Frauschaften, die einfachen Pflegefachkräfte, nur weisungsbefugt gegenüber den dienstjüngeren Gefreiten und den einfacheren Grenadieren oder Schützen, den Pflegehelfern der Stationen. Daneben kennt die weisse Armee selbstredend eine Menge von Spezialeinheiten, die unter anderem der Aufklärung und Diagnostik dienen, die Laborärzte, aber auch die Pioniereinheiten der Apparatemedizin oder der Radiologie, ebenso wie die Spezialisten der Anästhesie oder der Intensivpflege, um nur einige dieser spezialisierten Einheiten zu nennen.</p>
<p>Diese Organisationsform der weissen Armee ist historisch gewachsen und sie ist so gewachsen, weil man meinte, dass sie notwendig sei, um die Aufgaben, die ein Krankenhaus zu erledigen hat, möglichst schnell und präzise zu erledigen, da die Gegner der weissen Armee diese vor immer komplexere Aufgaben stellten, die keine Langsamkeit oder Schlampigkeit duldeten, weshalb es notwendig wurde, dass nicht alle alles machen sondern einer immer nur eines, das in das Alles des von einigen planvoll gedachten sinnvoll und rechtzeitig eingefügt werden muss, um den Gegner möglichst schnell und präzise mit den Mitteln der verbundenen Waffen zu schlagen. Und jetzt könnte man sich natürlich fragen, was eigentlich mit einer Organisation geschieht, die in ihrer eigenen Entwicklungsgeschichte über Jahrhunderte hinweg so strukturiert worden ist, dass sie ihre eigenen Funktionen wie in einer Armee differenziert und automatisiert hat, wenn ihre Zielstellung oder angestammte Vorgehensweise von aussen durch vollkommen sachfremde Zwänge verändert wird, wenn beispielsweise ein neues Vergütungssystem eingeführt würde, das nach speziellen Pauschalen vergütet, wonach bestimmte Behandlungsmethoden aus dem Arsenal dieser Armee lukrativer sind als andere oder bestimmte Leistungen wie beispielsweise die der Pflege gar nicht mehr gesondert vergütet würden, ob es dann nicht zwangsläufig wäre, dass <a href="http://www.cicero.de/kapital/zehn-jahre-krankenhaus-reform-drg-fallpauschalen-dr-oeconomicus-am-op-tisch/53983" target="_blank"><span style="text-decoration: underline;">bestimmte Operationen gehäuft und völlig unnötig vorgenommen und die betroffenen Patienten im Anschluss blutig entlassen würden</span></a>, ebenso wie man sich vielleicht auch fragen könnte, was wohl in deutschen Küchenbrigaden geschehen würde, wenn man ihnen anböte, ein Gericht nicht mehr nach dem Wert der Zutaten und dem Grad der handwerklichen Kreativität zu vergüten sondern nur noch nach der Anzahl der in ihm enthaltenen Kalorien.</p>
<p>Vergleicht man die kulinarische Armee mit der weissen, so fällt auf, dass die weisse Armee im Gegensatz zu der kulinarischen noch ein bestimmtes Element des Militärischen in sich birgt, das schon sehr alt ist, und insbesondere in der Armee der Kaiserzeit sehr ausgeprägt war, und das ist die strikte Trennung zwischen dem Offizierskorps auf der einen Seite, das in der Kaiserzeit grösstenteils dem Adel entstammte, und dem Unteroffizierskorps und den Mannschaftsrängen auf der anderen Seite, deren Vertretern es völlig unmöglich war, bis in die Offiziersränge aufzusteigen. Die Unmöglichkeit des Aufstieges ist ein altes Phänomen, das auch schon in den Landsknechthaufen des 30jährigen Krieges zu finden war, und das von dem Zeitgenossen Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen in seinem „Simplicissimus“ anhand des Ständebaums allegorisch beschrieben worden ist:</p>
<p>„Über diesen wies der Stamm des Baumes einen Abschnitt oder Absatz auf, ein glattes Stück ohne Äste, das mit eigenartigen Mitteln und einer seltsamen Seife aus Missgunst geschmiert war, so dass kein Mensch hinaufklettern konnte, so viel Mut, Geschicklichkeit oder Wissen er auch mitbringen mochte und sosehr er sich bemühte, es sei denn, er war von Adel. Denn dieses Stück war glatter poliert als eine Säule von Marmor oder ein stählerner Spiegel.“ *</p>
<p>Pflegedienste in Pflegeheimen, also in Einrichtungen, deren Bewohner durch niedergelassene Hausärzte eigener Wahl ärztlich betreut werden, sind &#8211; wenn man so will &#8211; halbe weisse Armeen. Der ärztlichen Generalität und der medizinischen Offiziere beraubt, führt eine Pflegedienstleitung die gesamte Truppe und die Stations- oder Schichtleitungen die einzelnen Kompanien der Wohnbereiche. Das bedingt ausserordentlich flache Hierarchien, die wenig Aufstiegsmöglichkeiten oder Karriereperspektiven eröffnen, was neben den familienunfreundlichen Arbeitszeiten mit ein Grund dafür ist, dass die Zahl der Auszubildenden in letzter Zeit zwar gestiegen ist, aber kaum eine der Ausgebildeten länger in dem Beruf verbleibt. Die Ausbildung in der Pflege wird deshalb mehr und mehr zum Durchlauferhitzer für weiterführende Ausbildungen oder Studiengänge wie der Pflegewissenschaft oder des Pflegemanagements oder der Pflegepädagogik, deren Studentinnen denen, die die eigentliche Arbeit machen, später einmal sagen sollen, wie man sie richtig oder besser macht. So eine Art McKinsey für Pflegeberufe, nur wird niemand die Masse an Pflegemanagern, Pflegewissenschaftlern oder Pflegewirten wirklich brauchen können, da die einschlägigen Stellen an den evangelischen und katholischen Hochschulen rar gesät sind, ebenso wie bei den Medizinischen Diensten der Krankenkassen. Demgegenüber klagt die Pflege über massive Nachwuchssorgen. Da verwundert es schon, dass im Grunde sinnlose Karriereperspektiven erfunden werden, indem man der Pflege sachfremde Fakultäten der Wirtschaftslehre, Sozialwissenschaft und Pädagogik öffnet, die den Einen beinahe schon krampfhaft ein Anderes lehren, während ihre eigentlich angestammte Fakultät, jene der Medizin, den Einen das Wissen ihrer Einigen vorenthält und ihnen selbst bei langjähriger Berufserfahrung verschlossen bleibt.</p>
<p>* In der Übersetzung von Bernhard Kaiser.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.reformpflege.de/2013/05/die-weisse-armee/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Gefährliche Pflege</title>
		<link>http://www.reformpflege.de/2013/02/gefahrliche-pflege/</link>
		<comments>http://www.reformpflege.de/2013/02/gefahrliche-pflege/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 28 Feb 2013 21:44:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Oliver Zajac</dc:creator>
				<category><![CDATA[Demenz]]></category>
		<category><![CDATA[Pflege]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.reformpflege.de/?p=590</guid>
		<description><![CDATA[Vor einigen Tagen war der MDK da, zwei nette Menschen, alles Pflegefachkräfte mit den entsprechenden Weiterbildungen und Zusatzqualifikationen. Immer wenn der MDK da ist und eine so genannte Pflegetransparenzprüfung macht, und immer wenn die Heimaufsicht da ist und eine sogenannte regelmässige Heimbegehung macht, dann sind diese Prüfungen unaufgeregt und geprägt von gegenseitigem Respekt, da wir [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Vor einigen Tagen war der MDK da, zwei nette Menschen, alles Pflegefachkräfte mit den entsprechenden Weiterbildungen und Zusatzqualifikationen. Immer wenn der MDK da ist und eine so genannte Pflegetransparenzprüfung macht, und immer wenn die Heimaufsicht da ist und eine sogenannte regelmässige Heimbegehung macht, dann sind diese Prüfungen unaufgeregt und geprägt von gegenseitigem Respekt, da wir wissen, dass diese Prüfungen an sich leider notwenig sind und insbesondere die so genannte Pflegetransparenzprüfung, zu der wir eine sehr spezielle Meinung haben, die hier nicht weiter vertieft werden muss, da auch und gerade die so genannte Pflegetransparenzprüfung ja einer der widerwilligen Geburtshelfer dieses Blogs war und deshalb hier schon mehr als nur ausführlich besprochen worden ist, nach Regeln zu verlaufen hat, welche die Prüfenden nicht zu vertreten haben.</p>
<p>Und so nahm dann auch diese Prüfung ihren Verlauf, den sie immer nimmt, indem zunächst die immer gleichen Papiere geprüft, die immer gleichen Daten abgeglichen wurden, bis die Prüfer des MDK endlich dazu übergingen, die per Stichprobe ermittelten 10 % unserer Bewohner in persönlichen Augenschein zu nehmen. Und auch hier hatte sich innerhalb unserer Einrichtung eigentlich nichts verändert, was auch weniger erwähnenswert gewesen wäre, hätte sich in der Zwischenzeit nicht ausserhalb unserer Einrichtung etwas Entscheidendes verändert. Und dieses Entscheidende betraf einen der in unserer Einrichtung verwendeten Bauchgurte. In diesem Zusammenhang ist natürlich sofort und reflexhaft hinzuzufügen, dass wir Bauchgurte nicht nach eigenem Gutdünken verwenden, da es sich bei Bauchgurten, wie ja ein jeder weiss, um eine so genannte freiheitsentziehende Massnahme handelt, die durch einen gesetzlichen Betreuer befürwortet, deren Notwendigkeit durch einen Arzt attestiert und deren gerechtfertigte Verwendung durch einen Richter begutachtet und genehmigt werden muss. Die durch den MDK geprüfte konkrete freiheitsentziehende Massnahme war also befürwortet, attestiert, begutachtet und genehmigt, allerdings hatte die Herstellerfirma des Bauchgurtes, welcher für die freiheitsentziehende Massnahme verwendet wurde, vor wenigen Tagen die Produktrichtlinie geändert, wonach unser Bauchgurt nur noch Verwendung finden dürfte, wenn wir während der ganzen Zeit seiner Verwendung eine Sitzwache neben dem Bett und dem Bewohner und seinem Bauchgurt installieren würden, um sicherzustellen, dass sich der Bewohner nicht versehentlich mit und durch seinen Bauchgurt selbst stranguliert. Nun könnte man natürlich einwenden, dass der Bauchgurt eben Bauchgurt heisst, weil er dem im Bett liegenden Bewohner um den Bauch und nicht um den Hals angelegt wird. Und das könnte man vielleicht sogar witzig finden, wenn es nicht &#8211; wenn auch sehr selten &#8211; aber trotzdem immer wieder vorgekommen wäre, dass sich Bewohner des Nachts in den Pflegeheimen der Republik in ihren Betten mittels des Bauchgurtes selbst strangulierten. Dass dies vorgekommen ist, lag vornehmlich an drei Gründen: erstens, der Bauchgurt wurde falsch angelegt, zweitens, er wurde Bewohnern angelegt, die den Bauchgurt nicht tolerierten, ihn ablehnten, sich ihn zu entledigen suchten, und drittens wurden die Bewohner mit angelegten Bauchgurten nicht immer wieder und in kurzen Abständen durch die Nachtwachen kontrolliert. Und wenn auch dergleichen, die Selbststrangulation eines Bewohners mittels Bauchgurt, in unserer Einrichtung nie vorgekommen ist, hatten wir jetzt das Problem, dass beides, die genehmigte freiheitsentziehende Massnahme und der hierzu verwendete Bauchgurt, nicht mehr zueinander passten. Dazu muss man sagen, dass der Bauchgurt am Bett immer die ultima ratio der Sturzprävention darstellt, die nur angewandt wird, wenn alle anderen Mittel, beispielsweise eine Sturzmatte, eine Klingelmatte, eine engere Anbindung an das Schwesternzimmer und/oder ein bis auf den Boden absenkbares Niederflurbett ein nicht zu vertretenes Restrisiko offen lassen. Dieses Restrisiko in diesem Zusammenhang betrifft nur  bestimmte Bewohner, in unserer Einrichtung sind es deren vier, die entweder stark dement oder geistig verwirrt sind als auch hochgradig sturzgefährdet, da sie noch über genug Kraft verfügen, um aufzustehen, aber nicht mehr genug Kraft besitzen, um stabil zu stehen, geschweige denn eine kurze Stecke ohne Hilfe zu gehen. Konkret bedeutet dies, dass die anderen Mittel zur Sturzprävention versagen könnten oder gar kontraindiziert sind, da diese Bewohner, nachdem sie beispielsweise aufgestanden sind, nach dem ersten wackeligen Meter über den Absatz der Sturzmatte stolpern könnten oder bereits gestürzt sind, bevor die durch Klingelmatte alarmierte Nachtwache herbeigeeilt ist und auch ein Niederflurbett nur die Fallhöhe aus dem Bett minimiert, aber einem stark sturzgefährdeten und verwirrten Bewohner, der noch das körperliche Vermögen hat, aus eigener Kraft aufzustehen, nicht wirklich helfen kann.</p>
<p>Wir haben immer und bewusst einen einfachen Bauchgurt verwendet, da er unserer Meinung die humanste ultima ratio darstellt, da der Bewohner sich in diesem Bauchgurt, der nichts anderes ist als ein Stoffgurt, welcher an einem weiteren Matratzengurt befestigt ist, drehen und wenden als auch den Oberkörper aufrichten kann, das heisst, der Bewohner ist in seiner Bewegungsfreiheit wesentlich weniger eingeschränkt als in anderen Fixier-Systemen, die es auch gibt und die weiterhin verwendungsfähig sind, da sie die Menschen noch an zusätzlichen Stellen des Körpers, entweder an den Oberschenkel oder mittels einer Schlaufe im Schritt fixieren und somit ein Herausrutschen des Bewohners nach unten durch den Gurt verhindern sollen. Diese Systeme sind zweifellos sicherer, haben aus unserer Sicht aber entscheidende Nachteile, da sie den Bewohner stärker in seiner Bewegungsfreiheit einschränken als auch Verletzungen im Intimbereich verursachen können. Wir standen also vor der Frage, wie wir in dieser Angelegenheit zukünftig verfahren sollen: mehr Fixierung mit einem Plus an Sicherheit oder ein bewusster und gänzlicher Verzicht auf Bauchgurte mit einem Plus an Lebensqualität aber auch an Sturzrisiko.</p>
<p>Wir haben uns in Absprache mit Angehörigen und Betreuern dazu entschieden, keine Eskalation der Fixierung zu betreiben und somit überhaupt keine Bauchgurte mehr anzulegen. Unsere vier Bewohner erhielten jeweils eine individuelle Kombination aus den beschriebenen anderen Hilfsmitteln und werden zudem öfter von der Nachtwache kontrolliert. Unsere Erfahrungen sind bisher positiv und vielleicht waren wir bisher ein wenig übervorsichtig, wiewohl wir uns aber bewusst sind, dass eine Restgefahr immer bestehen bleibt. Wir sind aber überzeugt, dass dieses Restrisiko durch die Vermeidung stärker freiheitsentziehender Massnahmen, wie sie die weiterhin erlaubten Fixiergurte darstellen, jetzt gerechtfertigt ist. Und wer weiss, vielleicht hilft uns diese gefährlichere Pflege auch endlich das zu verstehen, was wir längst wissen, dass wir nämlich nicht immer alles regeln und kontrollieren können und dass selbst in einem überhütenden Pflegeheim immer ein Rest an normalem Lebensrisiko verbleiben muss &#8211; und dass genau das der Preis der Freiheit ist.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.reformpflege.de/2013/02/gefahrliche-pflege/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>120 deutsche Minuten</title>
		<link>http://www.reformpflege.de/2012/11/120-deutsche-minuten/</link>
		<comments>http://www.reformpflege.de/2012/11/120-deutsche-minuten/#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 14 Nov 2012 19:16:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Oliver Zajac</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ambulant]]></category>
		<category><![CDATA[Demenz]]></category>
		<category><![CDATA[Pflege]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.reformpflege.de/?p=560</guid>
		<description><![CDATA[Wahrscheinlich liegt es daran, dass die Chefredaktion zu viel mit der CSU telefoniert und so gar keine Zeit mehr hat, ihrem eigentlichen Geschäft nachzugehen, denn anders lässt es sich kaum erklären, dass im ZDF offensichtlich die Praktikanten die Macht übernommen haben und sodann frisch, fromm, fröhlich, frei Texte in die Welt absondern, die im Sendung-mit-der-Maus-Stil [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wahrscheinlich liegt es daran, dass die Chefredaktion zu viel mit der CSU telefoniert und so gar keine Zeit mehr hat, ihrem eigentlichen Geschäft nachzugehen, denn anders lässt es sich kaum erklären, dass im ZDF offensichtlich die Praktikanten die Macht übernommen haben und sodann frisch, fromm, fröhlich, frei Texte in die Welt absondern, die im Sendung-mit-der-Maus-Stil Thesen verkünden, bei deren Lektüre man nicht recht weiss, ob man weinen oder lachen oder besser doch einfach nur schreiend davon laufen soll. So steht zum Beispiel zu lesen in einem <a href="http://www.zdf.de/ZDF/zdfportal/web/ZDF.de/auslandsjournal/2942600/25043686/4b4a1c/Lebensabend-in-Osteuropa.html?view=print" target="_blank"><span style="text-decoration: underline;">Text auf der Webseite des ZDF</span></a>, der offenbar einen Sendebericht des Auslandsjournal nacherzählen soll:</p>
<p><em>„Das statistische Bundesamt veröffentlicht Zahlen zur Pflegesituation, die alarmierend sind. Die Pflege in Deutschland ist so teuer, dass viele Senioren und ihre Angehörigen kein Altenheim mehr bezahlen können. Zwar gibt es die staatliche Pflegeversicherung, doch selbst die kann nur für einen Teil der Kosten für die Pflege aufkommen. Das Problem drängt, denn die deutsche Gesellschaft wird immer älter und Jahr für Jahr gibt es mehr Pflegefälle.“</em></p>
<p>Ob das statistische Bundesamt tatsächlich alarmierend verlautbart hat, dass Pflege in Deutschland zu teuer ist, entzieht sich der Kenntnis der reform<strong>pflege</strong>. Das statistische Bundesamt hat aber ganz sicher verlautbart, dass die deutsche Gesellschaft immer älter wird und es deshalb mehr und mehr Pflegefälle gibt. Das tut es nämlich ständig, das interessiert nur keinen und die Politiker schon gar nicht.</p>
<p>Die Autorin fährt fort:</p>
<p><em>„Unterschiedliche Lösungsansätze für das Problem gibt es bereits.“</em></p>
<p>Was sie damit meint, wird im Fortgang des Textes klar, sie thematisiert zuerst die vielen osteuropäischen Haushaltshilfen, die im häuslichen Bereich betreuende Aufgaben übernehmen:</p>
<p><em>„Sie wohnen meist im Haus des Pflegebedürftigen und begleiten diese durch den Tag. Solche qualifizierten Pfleger kosten im Monat meist weit weniger als ein durchschnittlicher Heimaufenthalt.“</em></p>
<p>Wir arbeiten selbst &#8211; wie viele andere ambulante Pflegedienste &#8211; mit diesen osteuropäischen Haushaltshilfen regelmässig zusammen. Das ist auch absolut in Ordnung. Es ist uns bisher aber noch nicht aufgefallen, dass es sich bei diesen Haushaltshilfen um qualifizierte Pfleger, mithin also Pflegefachkräfte handelt. Das mag in früheren Jahren so gewesen sein, mittlerweile werden Pflegefachkräfte, auch osteuropäische, nicht nur in Deutschland händeringend auf dem ersten Arbeitsmarkt gesucht, wo sie zu besseren Konditionen pflegen und arbeiten können als in einer fremden Häuslichkeit. Darum scheint es der Autorin aber nicht zu gehen, sie fährt, die Katze jetzt aus dem Sack lassend, fort:</p>
<p><em>„Jetzt wird unter Pflegeexperten und Politiker über neue Ansätze diskutiert. Der CDU-Politiker Willi Zylajew regte jüngst an, dass man deutsche Rentner doch im Ausland pflegen lassen könne. Die Idee ist nicht absurd. Denn viele Senioren leben bereits in einem Heim in der Slowakei, Tschechien oder Ungarn.“</em></p>
<p>Genausowenig absurd wie die Idee, einmal darüber nachzudenken, ob die Praktikanten beim ZDF vielleicht doch nicht die Macht übernommen haben, die Chefredaktion vielmehr noch in Amt und Würden ist, eben weil sie nicht nur mit der CSU telefoniert sondern auch noch mit den selbsternannten Pflege-Caritas-Experten der CDU. Der Text bricht dann runter auf den konkreten Einzelfall:</p>
<p><em>„Christa Scherbaum ist auch eine von diesen Seniorinnen, die ihren Lebensabend nicht in der Heimat verbringen werden. Die finanzielle Belastung des Sohnes war zu stark geworden, denn mehr als 1600 Euro musste er monatlich zu dem Heimaufenthalt seiner Mutter im Fränkischen Oberasbach zusteuern. Statt 3200 Euro kostet ihr neues Pflegeheim in der Slowakei 1000 Euro im Monat. Erschwinglich – und auch qualitativ ist an dem slowakischen Heim und den Pflegerinnen nichts auszusetzen. Obwohl es Schwierigkeiten bei der Verständigung gibt, hat sich die Frau ganz gut eingelebt. Zwar ist klar, dass ihre Familie sie fortan weniger sieht, doch hat ihr Sohn versprochen sie oft besuchen zu kommen. Frau Scherbaums Demenz ist ohnehin so stark, dass sie ihre Angehörigen wahrscheinlich kaum noch erkennt.“</em></p>
<p>Auch eine von diesen Seniorinnen, die erschwinglich und irgendwie qualitativ für nur 1000 Euro versorgt werden. Und da treibt es einem wirklich die Tränen der Rührung in die Augen ob dieser qualifizierten osteuropäischen Pfleger, die sich nicht nur in deutschen Häuslichkeiten verdingen sondern auch in ihrer Heimat für einen Bruchteil des Geldes arbeiten, das sie einige Kilometer weiter westlich verdienen könnten. Gut für Frau Scherbaum. Blöd nur, dass sie ihre Familie weniger sieht und auch kein Slowakisch versteht. Macht aber nix, weil die Frau Scherbaum ist ja eh dement. Merkt ja nichts mehr, die Gute. Das erreicht jetzt schon einen Grad des Zynismus, der mit blosser Schludrigkeit nicht mehr zu entschuldigen ist, unterstellt der Text doch implizit, dass Menschen bei fortgeschrittener Demenz ohnehin nicht mehr adäquat betreut werden müssten, da sie durch die Krankheit bereits sozial entkernt worden sind. Die Autorin ist aber noch nicht fertig:</p>
<p><em>„Was auf den ersten Blick ein wenig wie eine Abschiebung der demenzkranken Mutter aussieht, ist für viele Familien der einzige Ausweg. Frau Scherbaum ist in guter Gesellschaft. Allein in ihrem Heim gibt es noch zwei andere deutsche Patienten.“</em></p>
<p>Da taucht dann das Kostenargument zum wiederholten Male auf, das aber an keiner Stelle diskutiert oder gar differenziert wird. Es ist natürlich richtig, dass die Pflegeversicherung nur einen Teil der Pflegekosten bezahlt und deshalb die Pflegebedürftigen den Restanteil der Pflegekosten aus eigenen Mitteln zu bestreiten haben. Es ist auch richtig, dass, sollten diese eigenen Mittel nicht ausreichen, das Sozialamt den Restanteil der Pflegekosten im Rahmen der Hilfe zur Pflege bezahlen kann. Und es entspricht weiter den Tatsachen, dass das Sozialamt, bevor es Hilfe zur Pflege gewährt, zunächst die Unterhaltspflicht der direkten Angehörigen prüft und diese gegebenenfalls zur Kostenbeteiligung heranzieht. Es entspricht aber ganz und gar nicht den Tatsachen, dass die Beteiligung der Angehörigen an den Pflegekosten durch das prüfende Sozialamt für diese zur Armutsfalle wird. Vielmehr wird jeder Einzelfall unter Berücksichtigung des individuellen Einkommens und bestimmter Selbstbehaltsgrenzen geprüft, wie unter anderem <a href="http://www.senioreninfo.de/pflege/pflegefall-was-tun/pflegekosten-fuer-angehoerige.html" target="_blank"><span style="text-decoration: underline;">hier</span></a> nachzulesen ist:</p>
<p>„Es gibt keine klaren Einkommensgrenzen, ab denen auf jeden Fall Unterhalt gezahlt werden muss. Zu kompliziert sind die Regelungen, die die finanzielle Leistungsfähigkeit von Angehörigen betreffen. Dafür kommt rechtlich das Prinzip des Selbstbehalts zum Tragen. Der Selbstbehalt ist die Summe, die einem Angehörigen zugestanden wird, um seine eigene Lebensführung angemessen bestreiten zu können.(…) Die konkrete Berechnung erfolgt jedoch nicht mechanisch, sondern berücksichtigt die soziale Stellung und die Lebensgewohnheiten des Unterhaltsverpflichteten. Niemand muss nach herrschender Rechtsprechung eine spürbare und dauerhafte Senkung seines Lebensstandards hinnehmen – es sei denn, er lebt in luxuriösen Umständen (und dann fiele die Unterhaltszahlung wohl kaum ins Gewicht!) Vermögenswerte der Kinder wie Wohneigentum, Geldanlagen bzw. Sparguthaben werden – soweit sie nicht außergewöhnlich hoch sind – nicht beansprucht.“</p>
<p>Mit derlei komplizierten Spitzfindigkeiten hält sich die Autorin aber freilich nicht auf. Für sie und für viele Familien ist das osteuropäische Pflegeheim der einzige Ausweg, zumal sich Frau Scherbaum, eben noch zu dement und somit bereits zu sozial entkernt, um ihre Familie noch zu erkennen, auf einmal dann doch deutscher Mitbewohner erfreuen darf. Im Folgenden wird der neue „Lösungsansatz“ noch gefeiert, wobei der Text seltsam indifferent wird, als sei sich die Autorin bezüglich des neuen „Lösungsansatzes“ plötzlich doch nicht mehr ganz so sicher:</p>
<p><em>„Die Vermittlung an ein Pflegeheim in Osteuropa erscheint wie ein Kompromiss, der für alle Seiten erträglich ist. (…) Schlechter als in Deutschland ist die Pflege in Osteuropa selten und somit ist der Heimaufenthalt auch für die Alten so erträglich wie nur eben möglich.“</em></p>
<p>Und wenn man dann noch den kruden Schlusssatz des Absatzes,</p>
<p><em>„Auch der Vermittler freut sich, denn Unternehmer wie Artur Frank verdienen beachtliche Provisionen bei dem Geschäft mit der Vermittlung Ost.“</em>,</p>
<p>liest, fragt man sich dann zum wiederholten Male, ob man womöglich einem etwas verunglückten Satirestück aufgesessen ist, was aber letztlich unerheblich bleibt, denn die Idee des Herrn Zylajew ist nunmehr in der Welt und sorgt für mächtig Wirbel in Pressemitteilungen, Internetforen und Kommentarspalten. Und so entsteht dann wie üblich eine grosse Aufgeregtheit über Pflege, die dann natürlich in einer sonntäglichen Talkshow kulminiert, in welcher die üblichen Experten &#8211; Politiker, Betroffene, Heimleiter &#8211; zusammensitzen und den üblichen Mist verzapfen und eine ehemalige Bundesgesundheitsministerin beispielsweise genau jenes Pflege-Minuten-Modell geisselt, das sie in achtjähriger Regentschaft ganz vergessen hat abzuschaffen, so wie ein Caritas-Mensch erzählt, er würde sich in seinem eigenen Heim nicht pflegen lassen, denn gute Pflege sei in Deutschland nur schwer möglich wegen der hier herrschenden geringen Personalschlüssel, wobei er nicht vergisst zu erwähnen, dass der Anteil der Personalkosten in seinem Heim bereits 80% betragen (Und dann doch vergisst zu konkretisieren: Anteil an was? Am Umsatz oder an den Gesamtkosten?), weil die Dementen so einen grossen Bewegungsdrang hätten (Was natürlich stimmt. Vor allem bei ausbleibender oder nicht adäquater Therapie und Beschäftigung), obwohl sein Heim doch über so einen schönen Sinnesgarten verfügt, und dann erzählt ein weiterer Politiker noch irgendwas und der Moderator überreicht Blumen an irgendwen und kein Mensch hat schlussendlich eine Antwort bekommen auf die eingangs der Sendung formulierte Frage: Wird Pflege unbezahlbar?</p>
<p>Und natürlich hat reform<strong>pflege</strong> auch keine Antwort auf diese Frage. reform<strong>pflege</strong> hat hat aber eine Antwort auf die Frage, warum Pflege so teuer ist, wie sie eben ist. Und diese Antwort soll anhand des Pflegesatzes eines der reform<strong>pflege</strong> zufälligerweise näher bekannten Pflegeheimes hier einmal exemplarisch dargestellt werden.</p>
<p>Die Heimkosten eines jeden deutschen Pflegeheims setzen sich (bei Vernachlässigung der in einzelnen Bundesländern erhobenen Ausbildungsumlage) aus insgesamt drei grossen Kostenblöcken zusammen. Diese sind:</p>
<p>- Investitionskosten</p>
<p>- Unterkunft und Verpflegung</p>
<p>- Pflegebedingter Aufwand</p>
<p>Investitionskosten sind, wie der Name schon sagt, die Kosten, die notwendig sind, damit auf der grünen Wiese eine Pflegeeinrichtung entsteht und dieses auch komplett funktionsfähig ausgestattet ist. Auch wenn die Einrichtung bereits in Betrieb ist, können weitere Investitionskosten entstehen, wenn beispielsweise Gesetzesänderungen umfangreiche Um- oder Anbauten notwendig machen. Die Investitionskosten sind die einzigen Kostenbestandteile, die durch das Heim in eigener Regie berechnet und veranschlagt werden können, wenn die Einrichtung keine Fördermillionen in Anspruch genommen hat. Der Investitionskostensatz des Haus Tanneck beträgt:</p>
<p>Euro 17,35 täglich.</p>
<p>Die zwei restlichen Kostenbestandteile &#8211; Unterkunft und Verpflegung sowie der pflegebedingte Aufwand &#8211; sind Kosten, die das Pflegeheim nicht frei festsetzen kann, diese muss es mit den Kostenträgern, also den Pflegekassen und dem Sozialhilfeträger, verhandeln. Wobei Verhandlung eine ziemlich euphemistische Umschreibung dessen ist, was sich regelmässig in allen Pflegeeinrichtungen vollzieht, da die Pflegeeinrichtungen natürlich dringend einen genehmigten, also verhandelten Pflegesatz benötigen, um ihre Arbeit auch abrechnen zu können, sie aber eigentlich über kein wirkliches Druckmittel verfügen, und die Vorteile bei den Verhandlungen somit immer auf Seiten der Kostenträger liegen.</p>
<p>Der zweite Kostenblock sind die Kosten für Unterkunft und Verpflegung, diese umfassen alle Dienstleitungen &#8211; nicht Investitionen &#8211; die, wie der Name schon sagt, der Unterkunft und Verpflegung zuzurechnen sind. Der Kostensatz für die Unterkunft und Verpflegung im Haus Tanneck beträgt derzeit:</p>
<p>Euro 19,00 täglich.</p>
<p>Mit diesen beiden Kostenanteilen und ohne die Kosten für den pflegebedingten Aufwand hat man bis dahin die Kostenstruktur eines hotelähnlichen Betriebs. Die Investitionskosten sorgen für die Immobilie und die Ausstattung des Hauses und die Kosten für Unterkunft und Verpflegung finanzieren den laufenden Hotelbetrieb. Addiert man also beide Kostenblöcke, erhält man somit die sogenannten Hotelkosten. Die Hotelkosten im Haus Tanneck betragen demnach:</p>
<p>Euro 36,35 täglich.</p>
<p>Was erhält man für diese Kosten. Oder anders gefragt, was ist der Gegenwert dieser Euro 36,35 täglich?</p>
<p>Der Gegenwert ist zunächst einmal ein warmes, beheiztes Zimmer mit Nasszelle, fliessend Warmwasser, Strom usw., das hinsichtlich der Grösse und der Ausstattung den gesetzlichen Bestimmungen entsprechen muss, das also barrierefrei ist, das eine bestimmte Grösse hat, das bereits möbliert ist und das natürlich tagtäglich gereinigt wird. Ausserdem erhält man noch das Recht auf Mitbenutzung aller Gemeinschaftsräume, die da beispielsweise sind: Speisesäale, Therapieräume, Cafeteria, Bibliothek, Pavillon als auch der Gärten (Nein, keine Sinnesgärten) und der zwei Aufzüge, die allesamt ebenso tagtäglich beheizt (Die Gärten natürlich nicht), gereinigt und durch den eigenen haustechnischen Dienst instandgehalten werden. Man erhält des Weiteren fünf Mahlzeiten mit Getränken am Tag, wie Frühstück, Zwischenmahlzeit am Vormittag, 3-Gänge-Menu zu Mittag (Suppe, Hauptspeise und Nachtisch), Zwischenmahlzeit am Nachmittag, Abendessen und bei Bedarf sogar noch eine sechste Mahlzeit, die sogenannte Spätmahlzeit. Alle Mahlzeiten werden täglich frisch in der eigenen Hausküche zubereitet, 365 Tage im Jahr. Damit aber auch noch nicht genug, verfügt das Haus noch über eine eigene Waschküche, die nicht nur die Hotelwäsche reinigt sondern auch die Leibwäsche der Bewohner, welche gewaschen, gebügelt und zusammengelegt jeden Werktag in die persönlichen Schränke der Bewohner eingeräumt wird.</p>
<p>Man erhält für diese Euro 36,35 täglich also ziemlich viel, wenn man so will, könnte man sagen, man erhält eine umfassende Vollpension, die bei weitaus geringerem Preis weit über das hinausgeht, was in so manchen Pensionen oder Hotels unter dem Begriff Vollpension verstanden wird.</p>
<p>Menschen kommen aber in der Regel nicht in Pflegeeinrichtungen, um dort Urlaub zu machen, sie kommen, da sie pflegebedürftig sind und sich deshalb in einer professionellen Pflegeeinrichtung eine Lebensqualität versprechen, die in der eigenen Häuslichkeit so nicht mehr zu gewährleisten ist. Diese Lebensqualität soll neben der Unterkunft und Verpflegung durch Pflege sichergestellt werden. Die Kosten für die Pflege oder des pflegebedingten Aufwandes variieren, je nachdem, welcher Pflegestufe der einzelne Bewohner zugeordnet worden ist. D. h. der Pflegebedarf der Bewohner ist individuell unterschiedlich. Es gibt Bewohner, die benötigen mehr Grundpflege, dafür aber weniger Behandlungspflege oder Therapie. Andere übernehmen grosse Teile der Grundpflege unter Anleitung selbst, werden aber aufgrund ihrer Demenz an 365 Tagen im Jahr von morgens bis abends in einer unserer Demenzgruppen betreut. Wieder andere Bewohner sind nicht dement, genesen aber von einer schweren Operation und haben deshalb einen immensen Bedarf an Behandlungspflege, da ihre Wunden jeden Tag auf’s Neue aufwendig versorgt werden müssen. Das hat zur Folge, dass der Gegenwert oder der Nutzen für die Kosten des pflegebedingten Aufwandes anders wie bei den Investitionskosten oder den Kosten für die Unterkunft und Verpflegung nur sehr schwer allgemein und verständlich dargestellt werden können. Aber vielleicht hilft hier ein statistischer Kunstgriff weiter. Die durchschnittliche Pflegestufe im Haus Tanneck entspricht rein statistisch betrachtet ziemlich genau der Pflegestufe II. Um die Leistungen der Pflegestufe II zu erhalten, muss ein pflegebedürftiger Mensch laut Pflegeversicherungsgesetz einen Grundpflegebedarf (Nicht Therapie-, Betreuungs- oder Behandlungspflegebedarf) von mindestens 120 Minuten täglich haben.</p>
<p>120 Minuten.</p>
<p>Was bezahlt man in Deutschland für 120 Minuten? Oder anders gefragt, was sind in Deutschland 120 Minuten Dienstleistung und Arbeit wert? Und damit sind jetzt nicht die 120 Minuten eines Kanzlerkandidaten oder eines Krankenkassenvorstandes oder eines Investmentbankers oder eines Unternehmensberaters oder eines Bundesgesundheitsministers gemeint, sondern die 120 Minuten, wie sie Menschen in ihre Rechnungen schreiben, die einem ganz normalen Handwerk oder Sprechwerk nachgehen, so wie Pflege ein ganz normales Hand- und Sprechwerk ist.</p>
<p>Und weil das Haus Tanneck nicht nur Rechnungen schreibt, sondern auch Rechnungen bezahlt und diese sodann in Aktenordern abheftet, damit der nette Mensch vom Finanzamt sie irgendwann einmal sichtet und prüft, finden sich in diesen Aktenordnern viele Rechnungen von Menschen, die einem ganz normalen Hand- und Sprechwerk nachgehen.</p>
<p>Es findet sich die Rechnung eines Installateurs, der für 60 Minuten Arbeitszeit Euro 42,90 netto berechnet. Brutto kosten den Endverbraucher demnach 120 Minuten Installateur:</p>
<p>Euro 102,10</p>
<p>Es findet sich die Rechnung eines KFZ-Fachbetriebes, der für 5 Minuten Arbeitszeit Euro 5,04 netto berechnet. Brutto kosten den Endverbraucher demnach 120 Minuten KFZ-Fachbetrieb:</p>
<p>Euro 143,94</p>
<p>Es findet sich die Rechnung des Miele Kundendienstes, den wir immer rufen müssen, wenn die alte Miele Industriewaschmaschine kaputt ist und wir sie nicht mit Bordmitteln reparieren können. Eine Stunde Miele Kundendienst kostet Euro 91,80. Brutto kosten den Endverbraucher demnach 120 Minuten Miele Kundendienst:</p>
<p>Euro 218,48</p>
<p>Keine dieser Rechnungen weist ausdrücklich eine Fachkraft aus. Es finden sich lediglich die Bezeichnungen Monteur oder Arbeitszeit. Auf meine Nachfrage, ob denn ein Stundensatz von Euro 91,80 nicht ein bisschen happig sei, entgegnete der nette Miele Kundendienst Monteur, tja, was ist denn heute noch billig? Tja, Pflege ist heute noch billig. Brutto wie netto kosten den Endverbraucher der Pflegestufe II 120 Minuten Pflege im Haus Tanneck:</p>
<p>Euro 55,20</p>
<p>Welche zudem noch alle weiteren Kosten für Therapie, Betreuung und Behandlungspflege abdecken müssen. Und das ist nicht nur billig. Das ist auch noch beschämend. Es ist beschämend, dass die Installation einer Toilette, der Austausch einer Einspritzpumpe und die Reparatur einer Waschmaschine nicht nur offenbar wesentlich wertvoller sind als der vornehme Dienst an alten, kranken und schwachen Menschen sondern sich auch noch grösserer gesellschaftlicher Akzeptanz erfreuen dürfen, während um Pflege eine Debatte entbrennt, sie sei zu teuer, obwohl sie nachweislich zu billig ist.</p>
<p>Und das ganze wird noch beschämender, wenn man zwischen den ganzen Online-Kommentaren, die auf einen <a href="http://www.sueddeutsche.de/politik/pflegeheime-im-ausland-die-verrueckte-idee-vom-greisen-export-1.1512615" target="_blank"><span style="text-decoration: underline;">Artikel der SZ</span></a> folgten und die grösstenteils von den immer gleichen Idioten mit Schaum vor dem Mund verfasst werden, den Kommentar eines offensichtlich noch jungen Menschen mit dem Pseudonym Calmacil findet, der sich beinahe dafür rechtfertigen will, dass er sein Geld mit Pflege verdient:</p>
<p>„Meine Freundin und ich arbeiten beide als Pflegekräfte in einem Heim hier im Ort. Mit dem Gehalt, das wir bisher verdienten und noch erarbeiten werden (und dem Geld unserer Eltern ohne das unser Gehalt nicht dafür gereicht hätte) haben wir von der Gemeinde einen Bauplatz erstanden und Handwerker aus der Umgebung bezahlt, um ein Haus zu bauen. Wir fahren ein Auto von einer in der Nähe gelegenen Firma und kaufen unsere Lebensmittel von Händlern vor Ort.</p>
<p>Im Gegenzug haben wir bereits Angehörige von Bürgermeistern, Bäckern, Autobauern, Pfarrern, Handwerkern uvm gepflegt.</p>
<p>Ich halte das eigentlich für ein ziemlich gutes System.</p>
<p>Pflege in Heimen ist &#8220;teuer&#8221;?</p>
<p>Pflege ist vor allem keine besonders beliebte Möglichkeit, Geld auszugeben. Während Autos, Urlaub und technische Gadgets sexy sind, wird Pflege als notwendiges Übel gesehen. In einer egoistischen Konsumgesellschaft sind Dinge eben wichtiger als Menschen.“</p>
<p>In einer egoistischen Konsumgesellschaft sind Dinge eben wichtiger als Menschen. Dem kann man kaum widersprechen. Forscht man aber etwas tiefer über die mangelnde Wertschätzung, die Pflege entgegengebracht wird, findet man neben der Tatsache, dass Pflege nun einmal grösstenteils und traditionell Frauensache ist, und die Arbeit von Frauen generell und immer noch als minderwertig oder minderwertiger erachtet wird, den Grund der mangelnden Wertschätzung im eigentlichen Sujet von Pflege, man findet ihn in der abgrundtiefen gesellschaftlichen Verachtung von Alter, Krankheit und Schwäche, oder anders ausgedrückt in der Verachtung der Unproduktivität von Pflegebedürftigkeit. Pflege produziert nichts, keine Toiletten, Motoren oder Waschmaschinen, Pflegebedürftigkeit verbraucht nur Ressourcen. Und anders als in den Institutionen am anderen Ende der Bedürftigkeits-Biographie, den Kindergärten, bringen diese Ressourcen auch zu späteren Zeiten keinen Ertrag, denn während am Ende des Ressourcenverbrauchs in den Kindergärten die ehemaligen Kindergartenkinder irgendwann als zahlende, produzierende und somit verwertbare Mitglieder in die egoistische Konsumgesellschaft eintreten, steht am Ende des Ressourcenverbrauchs der Pflege immer nur der Tod. Ausser Spesen nichts gewesen. Diese Verachtung des Alters, der Schwäche und der Krankheit, der Unproduktivität, welche durch die Geringschätzung der Pflege hindurch schimmert, ist umso erstaunlicher, als wir alle alt zu werden wünschen, wir also das Alter gerne in Kauf nehmen würden &#8211; aber bitte immer nur ohne Krankheit, Schwäche und Hilfsbedürftigkeit. Aus diesem Grunde werden dann auch Slogans erfunden wie „50 ist das neue 30“ oder „70 ist das neue 50“. Wir sollen uns das Alter jung träumen. Das Alter ist aber nicht jung, es wird für die meisten von uns verbunden sein mit Krankheit, Schwäche und Hilfsbedürftigkeit. Und eben daran erinnert uns immer Pflege. Und genau das verzeihen ihr viele nie.</p>
<p>Was nun die Frage angeht, warum Pflege das kostet, was sie nun einmal kostet, so ist die Antwort denkbar einfach: Weil Pflege nun einmal von Menschen gemacht wird, die &#8211; wie alle anderen auch &#8211; von ihrer Arbeit leben wollen und zwar in Deutschland und nicht in Osteuropa.</p>
<p>Und natürlich ist Pflege so „teuer“, weil sie jeden Tagen benötigt wird, wochen-, monate- und manchmal sogar jahrelang, und weil immer mehr Menschen sie benötigen werden, was eine grosse, wenn nicht sogar die grösste Herausforderung an die gesellschaftliche aber auch familiäre Solidarität ist, der sich jetzt schon so viele entziehen. Die Frage, wie Pflege im Zeichen des Demographie-Wandels zukünftig finanziert werden soll und kann, ist aber keine Frage, die Pflege zu beantworten hat. Das ist vielmehr eine politische Frage, die also von den Politikern beantwortet werden sollte, die es derzeit noch vorziehen, zu ihren persönlichen PR-Zwecken dämlich von ihren <a href="http://www.bmg.bund.de/" target="_blank"><span style="text-decoration: underline;">Ministeriums-Webseiten</span></a> herabzugrienen, statt die Lösung endlich anzugehen.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.reformpflege.de/2012/11/120-deutsche-minuten/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Bahrs Pflege-Eldorado: Ambulant ist das neue Stationär</title>
		<link>http://www.reformpflege.de/2012/07/bahrs-pflege-eldorado-ambulant-ist-das-neue-stationar/</link>
		<comments>http://www.reformpflege.de/2012/07/bahrs-pflege-eldorado-ambulant-ist-das-neue-stationar/#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 20 Jul 2012 20:26:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Oliver Zajac</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ambulant]]></category>
		<category><![CDATA[Demenz]]></category>
		<category><![CDATA[Pflege]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.reformpflege.de/?p=514</guid>
		<description><![CDATA[Seit geraumer Zeit ist zu beobachten, dass sich in unserer so beschaulichen Branche, der Pflege, eine Art Goldgräberstimmung breit macht, welche durch ein neues Gesetzeswerk noch entscheidend befeuert wird, und die allmählich besorgniserregende Ausmasse annimmt, da die ersten schon anfangen, ihre Pflegeheime zu ambulantisieren, sie zu Mietshäusern umzuwidmen, um dann flugs eine Tagespflege und einen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Seit geraumer Zeit ist zu beobachten, dass sich in unserer so beschaulichen Branche, der Pflege, eine Art Goldgräberstimmung breit macht, welche durch ein neues Gesetzeswerk noch entscheidend befeuert wird, und die allmählich besorgniserregende Ausmasse annimmt, da die ersten schon anfangen, ihre Pflegeheime zu ambulantisieren, sie zu Mietshäusern umzuwidmen, um dann flugs eine Tagespflege und einen ambulanten Pflegedienst zu gründen, welche den zu Mietern gleich mit umgewidmeten ehemaligen Bewohnern einen bunten Strauss an pflegerischen und sonstigen Dienstleistungen offerieren. Und natürlich machen sich die Innovatoren dann im Anschluss gleich daran, dieses, ihr neues Geschäftsmodell in den branchendienlichen Schnarch-Gazetten auf das Höchste zu preisen und fordern alle Pflegeheime auf, ihr Versorgungsangebot kritisch zu überprüfen, denn hier und jetzt stehe eine Neuorientierung an, so verkünden sie, die natürlich und einzig und allein dem Wohle der „Nutzer“ zu dienen hätte, weshalb sie sich auf die Fahnen geschrieben haben, bei einem ganzheitlichen Betreuungsanspruch ginge es in Wahrheit um Teilhabe im Sinne von Wahlfreiheit, Selbstbestimmung und Angebotsvielfalt statt um Funktionsversorgung, und verlautbaren noch, nachdem sie sich selbst einen Orden für diese fast übermenschliche Erkenntnis ans Revers geheftet haben, dass nur so eine langfristige Eigenständigkeit und damit Lebensqualität für eine älter werdende Gesellschaft gewährleistet werden kann. So viel Gutmenschen-Geschwafel kommt natürlich nicht von ungefähr, sondern hat seinen Grund in eben jenem Gesetzeswerk, welches jüngst verabschiedet wurde und zum 01.01.2013 in Kraft treten soll, und das ziemlich euphemistisch weil grundlos Pflege-Neuausrichtungs-Gesetz (behördendeutsche Abkürzung: PNG) genannt wurde. Und natürlich enthält dieses Gesetz mit dem epochalen Titel zwar keinen neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff, aber doch eine paar Neuigkeiten, die für einige in unserer Branche nicht uninteressant sind, da es, das Gesetz, ein Prinzip der Pflegepolitik, das eigentlich und prinzipiell richtig ist, ein wenig überstrapaziert, was wiederum gefährliche Folgen nicht haben muss aber doch durchaus haben kann. Das Prinzip heisst „Ambulant vor Stationär“ und wurde vor Jahren von der Politik auch aus der Taufe gehoben, um die Kosten der Pflegeversicherung im Zaum und den Beitragssatz möglichst konstant zu halten, da Pflegeheime damals teuer waren und man sich von den ambulanten Pflegediensten, die anfangs pro Monat weniger Sachleistung mit den Kassen abrechnen durften, eine kostengünstigere Versorgung der pflegebedürftigen Menschen in deren eigener Häuslichkeit versprach. Dieses Prinzip ist richtig, weil Sozialversicherungen das Geld ihrer Beitragszahler nicht verschleudern sollten und es auch dem Wunsch der Pflegebedürftigen selbst entsprach und entspricht, solange in der eigenen Häuslichkeit verbleiben zu können wie es irgend geht, ein Wunsch, dem auch wir Rechnung trugen, indem wir Dienstleistungen ambulantisierten und im Laufe der Jahre zunächst eine Tagespflege und sodann einen ambulanten Pflegedienst mit angeschlossenem Essen-auf-Rädern-Service gründeten. Die Politik verlieh dann diesem hehren Prinzip mit der Zeit immer mehr Anreiz, erfand, dem allgemeinen Zeitgeist und den Einflüsterungen bestimmter Interessengruppen folgend, sukzessive immer mehr Leistungen für ambulant Pflegebedürftige, bis eines der ursprünglichen Ziele, der wirtschaftliche Umgang mit Sozialversicherungsgeldern, sich komplett in das Gegenteil verkehrte, da der Leistungsanspruch, den ein pflegebedürftiger Mensch in der eigenen Häuslichkeit gegenüber Pflege- und Krankenkassen mittlerweile gesetzlich eingeräumt bekommen hat, den Leistungsanspruch eines Heimbewohners bei weitem übersteigt. So hat ein ambulant Pflegebedürftiger der Pflegestufe II nach dem Inkrafttreten des PNG theoretisch Anspruch auf eine monatliche Leistung der Pflegekasse von insgesamt 2.404,17 Euro (Inklusive Tagespflege (§ 41 SGB XI) und monatlicher Anteil Verhinderungspflege (§ 39 SGB XI)). Natürlich werden bei weitem nicht alle in den Genuss der vollen Leistung kommen, da nicht alle Pflegebedürftigen einen „zusätzlichen Betreuungsbedarf“, also beispielsweise Demenz, entwickeln, oder mit mindestens zwei weiteren Pflegebedürftigen in einer Wohngruppe wohnen oder noch zusätzlich Tagespflege in Anspruch nehmen werden, dennoch übersteigt dieser Betrag die Leistungssumme, welcher ein stationär, also im Pflegeheim gepflegter Mensch mit der Pflegestufe II (inklusive § 45 SGB XI) maximal von der Pflegekasse monatlich erhalten kann um 1.025,17 Euro. Ebenso verhält es sich auch in den beiden anderen Pflegestufen, ein ambulant Pflegebedürftiger der Pflegestufe I kann maximal 403,17 Euro, ein ambulant Pflegebedürftiger der Pflegestufe III maximal 1.204,17 Euro mehr pro Monat von der Pflegeversicherung als ein Pflegebedürftiger der jeweils gleichen Stufe im Pflegeheim erhalten.</p>
<p>Und damit nicht genug, erhalten ambulant Pflegebedürftige noch zusätzliche Leistungen, zwar nicht mehr von der Pflege- aber doch von der Krankenkasse, da bestimmte Leistungen der Pflege, die sogenannte Behandlungspflege, welche im Pflegeheim wohl von den Kassen als auch von den Politikern als All-Inclusive-Leistung verstanden werden, in der eigenen Häuslichkeit oder im Betreuten Wohnen oder der Pflege-WG aber kostenpflichtig werden, sobald ein ambulanter Pflegedienst sie dort erbringt. Leistungen der Behandlungspflege können sein: die tägliche Medikamentengabe oder die tägliche Insulinspritze oder die täglichen Kompressionsverbände, eigentlich tägliche Routineleistungen aber alles Massnahmen, die nach ärztlicher Verordnung der Behandlung von Krankheiten dienen und deshalb auch von ambulanten Pflegediensten bei den Krankenkassen abgerechnet werden dürfen. Krankenkassen vergüten Behandlungspflege von Bundesland zu Bundesland und Krankenkasse zu Krankenkasse unterschiedlich. Derzeit zahlt beispielsweise die AOK Baden-Württemberg für eine Medikamentengabe durch einen ambulanten Pflegedienst 8,82 Euro, zwei Medikamentengaben am Tag kosten also 17,64 Euro, macht im Monat 532,25 Euro, Geld, das nochmal auf die ab dem 01.01.2013 ohnehin schon stattlichen Maximal-Beträge der Pflegekassen für ambulante Pflegebedürftigkeit von 1.526,17 Euro in der Pflegestufe I, 2.404,17 Euro in der Pflegestufe II und 2.854,17 Euro in der Pflegestufe III draufzuschagen ist.</p>
<p>Und damit immer noch nicht genug, denn pflegebedürftige Menschen in der eigenen Häuslichkeit wollen nicht nur die ganze Zeit gepflegt werden, sie wollen auch wohnen, essen, trinken, schlafen, sie wollen nicht frieren und betätigen sogar hin und wieder die Klospülung, das heisst, sie haben die Kosten zu tragen, die wir alle zu tragen haben, und die wir, wenn wir nicht das Sozialamt bemühen können, aus eigener Tasche zahlen müssen, und diese sind die Kosten für Miete oder Finanzierung, Haushalt, Heizung, Strom und Abwasser, um nur die wichtigsten zu nennen. Im Allgemeinen nennt man diese Kosten auch Lebenshaltungskosten, und diese Lebenshaltungskosten nimmt man selbstverständlich mit, wenn man, wie von dem Gesundheitsministerchen und dem Kuratorium Deutsche Altershilfe (behördendeutsche Abkürzung: KDA) gewünscht, aus der eigenen Häuslichkeit in eine „selbstorganisierte“ Demenz-WG zieht, die ja der eigentliche Adressat dieser wundersamen Pflegereform namens PNG ist. Lebenshaltungskosten in Demenz-WGs können ungefähr so hoch oder noch höher sein wie der privat zu zahlende Eigenanteil im stationären Pflegeheim, weshalb es jetzt und hier an der Zeit ist, eine vorläufige Bilanz zu ziehen, und sich vor dem geistigen Auge eine Demenz-WG vorzustellen, deren Bewohner auch Leistungen der Tagespflege in Anspruch nehmen, was ja nicht so ungewöhnlich wäre und die Phantasie deshalb nicht all zu arg strapaziert. Dann hätte ein Bewohner der Pflegestufe II und seine Kranken- bzw. Pflegekasse zusammen ab dem 01.01.2013 unter Umständen folgende Kosten zu tragen:</p>
<p>- 2.404,17 Euro Pflegesachleistung SGB XI<br />
- 500-1.000 Euro oder mehr Behandlungspflege SGB V je nach Bedürftigkeit<br />
- 1.000-1.300 Euro Eigenanteil (Miete, Strom, Haushaltskosten, etc.)</p>
<p>Macht summa summarum je nach Grad der Behandlungspflegebedürftigkeit und Höhe des Eigenanteils eine Summe zwischen 3.900 und 4.700 Euro monatlich. Das ist mitunter doppelt so teuer, wie das, was so manches Pflegeheim verlangt, und kann noch teurer werden, je nachdem, welche zusätzlichen Serviceleistungen noch in Anspruch genommen werden oder welchen behandlungspflegerischen Bedarf eine mangelhafte Grundpflege auszulösen vermag.</p>
<p>Was ist davon zu halten &#8211; oder anders gefragt: was ist dazu zu sagen?</p>
<p>Dazu ist zu sagen, dass wir die Förderung dieser neuen Pflege/Demenz-Wohngruppen ausdrücklich begrüssen. Sie sind ein wichtiges Alternativangebot zur pflegerischen Versorgung in der eigenen Häuslichkeit oder im Pflegeheim. Wir, das Haus Tanneck mit angeschlossener Tagespflege und die Landpflege, unser ambulanter Pflegedienst, haben deshalb unser Versorgungsangebot kritisch überprüft, denn hier und jetzt steht eine Neuorientierung an, die einzig und allein dem Wohle der „Nutzer“ dient, weshalb wir uns auch auf die Fahnen geschrieben haben, dass es bei einem ganzheitlichen Betreuungsanspruch in Wahrheit immer nur um Teilhabe im Sinne von Wahlfreiheit, Selbstbestimmung und Angebotsvielfalt statt um Funktionsversorgung gehen muss, weswegen nur so eine langfristige Eigenständigkeit und damit Lebensqualität für eine älter werdende Gesellschaft gewährleistet werden kann. Denn so blöd sind nämlich auch wir nicht, als dass wir nicht begriffen hätten, dass sich mittels dieser Pflegereform doppelt so viel Geld mit dem nur halben Aufwand abrechnen lässt.</p>
<p>Allerdings gibt es vor dem grossen Fressen noch eine Kleinigkeit zu beachten, denn bisher haben nur wenige Bundesländer auch die rechtlichen Rahmenbedingungen für die gewünschten Demenz-WGs geschaffen, indem sie die Landesheimgesetze an die aus Berlin vorgegebenen Erfordernisse angepasst hätten. Baden-Württembergs Heimgesetz beispielsweise fordert noch eine strikte Trennung zwischen den Eignern der Immobilie, in welcher eine Demenz-WG installiert werden soll, und den Betreibern eines ambulanten Pflegedienstes oder einer Tagespflegestätte. Diese Unterscheidung nahm Stuttgart seinerzeit aus gutem Grund vor, wollte man doch verhindern, dass im ganzen Land Betreute Wohnanlagen oder Pflege-WGs entstehen, die immer nur von einem Pflegedienst betreut werden, und somit de facto stationäre Pflegeheime sind, welche die gesetzlichen Heimbau- und Heimpersonalbestimmungen unterlaufen und sich auch der staatlichen Aufsicht und Kontrolle durch die Heimaufsichten entziehen. Das Bundesland Berlin ist da schon einen Schritt weiter, sein relativ junges Landesheimgesetz, das sogenannte Wohnteilhabegesetz (behördendeutsche Abkürzung: WTG), erlaubt vieles, was im Ländle derzeit noch verboten ist. So ist es in der Bundeshauptstadt ohne weiteres möglich, dass ein Pflegedienstbetreiber seine Immobilie an einen gemeinnützigen Verein vermietet, dieser eine Demenz-WG installiert und sodann seinen Mietern den Pflegedienstbetreiber und Immobilienbesitzer zur Pflege und Betreuung wärmstens empfiehlt. In Berlin gibt es deshalb bereits circa 450 solcher WGs, deren Qualitätsspektrum von vorbildlich über armselig bis katastrophal reicht, da der Gesetzgeber es unterlassen hat, bestimmte Qualitätskriterien, wie beispielsweise barrierefreie Zimmer und Bäder, einen verbindlichen Personalschlüssel oder eine strikte Fachkraftpräsenzquote festzuzurren, weshalb derzeit eigentlich fast alles erlaubt ist. Pflege bleibt aber Pflege, und natürlich ist es vollkommen egal, wo ein Bett steht, ob in der Demenz-WG oder im Pflegeheim, Pflege ist Handarbeit und Handarbeit kostet Geld, das sich so mancher Pflegeheim- und/oder Pflegedienstbetreiber sehr gerne spart &#8211; zumal in einem komplett deregulierten System, wie das der Demenz-WGs. Die Landesministerien, die jetzt unter Zugzwang stehen, ihre Landesheimgesetze anzupassen, verweisen gerne darauf, dass ja die zukünftigen WG-Bewohner weniger schutzbedürftig seien als Heimbewohner und ausserdem der Medizinische Dienst der Krankenkassen (behördendeutsche Abkürzung: MDK) die ambulanten Pflegedienste regelmässig überprüfen würde. Dem ist entgegen zu halten, dass die Unzulänglichkeit der MDK-Prüfungen an dieser Stelle schon öfters diskutiert worden ist, und dass der vornehmliche Grund fast jeder Heimaufnahme nun einmal die Demenz ist, was sich auch in den WGs nicht anders verhalten wird, und die Demenz, das stand hier auch schon öfters zu lesen, ein Prozess ist, was wiederum zwangsläufig zur Folge hat, dass aus anfänglich weniger schutzbedürftigen Bewohnern mal schneller, mal langsamer äusserst schutzbedürftige Bewohner werden. Wie also wollen die staatlichen Heimaufsichten die WGs, in die seine Exzellenz der Herr Bundesgesundheitsminister so viel Geld buttert, kontrollieren? Das Berliner WTG beispielsweise sieht diesbezüglich zwar vor, dass die Pflegedienste den Heimaufsichten zu melden haben, sobald sie in einer WG pflegerisch tätig werden, viele Interventionsmöglichkeiten haben die Berliner Heimaufsichten aber nicht. Sie können keine regelmässigen, sondern nur anlassbezogene Überprüfungen durchführen, wobei „anlassbezogen“ heisst, dass sie von Pflegemängeln in der WG Kenntnis erlangt haben müssen, und wenn auch schleierhaft bleibt, wie sie diese Kenntnis aus einer von nur einem Pflegedienst hermetisch betreuten Anlage erlangen sollen, sind sie ausserdem noch darauf angewiesen, dass der „anlassbezogene Bewohner“ der WG ihnen auch den Zutritt in dessen Wohnung erlaubt. Denn das ist ja gerade der Knackpunkt des ganzen Systems, damit aus einem normalen Heimbewohner ein doppelt so „wertvoller“ WG-Bewohner wird, muss er in seiner eigenen Häuslichkeit, in seiner eigenen Wohnung gepflegt werden. Und die Unverletzlichkeit der Wohnung wird durch das Grundgesetz garantiert.</p>
<p>Die Landesministerien werden bei der Neuformulierung ihrer Landesheimgesetze also einige juristische Kopfstände vollführen müssen, wenn sie überhaupt ein Interesse daran haben, Menschen mit Demenz auch in dieser „neuen“ Wohn- und Betreuungsform einen ausreichenden gesetzlichen Schutz einzuräumen, andernfalls legen sie nämlich Wohl und Wehe dieser Menschen grösstenteils in die Hände der Pflegedienstbetreiber. Es ist ja schön, wenn die Ministerien vorgeblich und einige Traumtänzer aus dem KDA vielleicht sogar tatsächlich so ein positives Menschenbild haben, und den Pflegedienstbetreibern nur das Beste unterstellen. Die Erfahrung lehrt aber etwas anderes, weshalb nicht nur zu befürchten, sondern es vielmehr als sehr wahrscheinlich zu erachten ist, dass ab dem 01.01.2013 sehr viel Sozialversicherungsgeld zur Finanzierung ziemlich dürftiger Pflege aufgewendet wird.</p>
<p>Die oben stehende Ankündigung aber, dass wir uns im Bereich der Betreuten Wohnformen und auch der Pflege/Demenz-WGs engagieren werden, war durchaus ernst gemeint. Diese Wohnformen können zwar bei weitem nicht die Betreuungsqualität eines vollversorgenden Heimbetriebs abbilden, aber schlussendlich entscheiden nicht wir, was die individuell beste Betreuungsform ist &#8211; sondern der Kunde. Und im Verbund mit stationären, teilstationären und ambulanten Dienstleistungen kann die Pflege und Betreuung von Menschen mit leichter Demenz in einer WG eine durchaus sichere, sinnvolle und gewünschte Alternative sein.</p>
<p>Sollte also die baden-württembergische Sozialministerin ausser Sonntagsreden („Die Demenz wird mitten unter uns sein.“) endlich einmal einen Tätigkeitsnachweis erbringen und wie angekündigt im Oktober ein neues Landesheimgesetz präsentieren, könnten wir Anfang nächsten Jahres bereits startklar sein. <a href="http://www.freiburger-modell.de/partner/labyrinthhirschen.php" target="_blank"><span style="text-decoration: underline;">Alte, leerstehende Bauernhäuser und Gasthöfe</span></a> gibt es in unserem, von der Landflucht gezeichneten Landkreis nämlich genug.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.reformpflege.de/2012/07/bahrs-pflege-eldorado-ambulant-ist-das-neue-stationar/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>1</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Schöner Lesen</title>
		<link>http://www.reformpflege.de/2012/05/schoner-lesen/</link>
		<comments>http://www.reformpflege.de/2012/05/schoner-lesen/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 31 May 2012 19:15:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Oliver Zajac</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Demenz]]></category>
		<category><![CDATA[Pflege]]></category>
		<category><![CDATA[Wellcare]]></category>
		<category><![CDATA[demode]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.reformpflege.de/?p=500</guid>
		<description><![CDATA[Vor einiger Zeit bin ich von einem Verlag angeschrieben worden, ob ich mir vorstellen könnte eine Auswahl der reformpflege-Texte in einem Buch zu veröffentlichen. Das, so fand ich, ist in Zeiten der Urheberrechtsdebatte eine seltsame Idee, einfach einmal den umgekehrten Weg zu gehen, und frei zugängliche Internet-Texte als kostenpflichtige Druckversion zu publizieren. Und weil ich [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Vor einiger Zeit bin ich von einem Verlag angeschrieben worden, ob ich mir vorstellen könnte eine Auswahl der reform<strong>pflege</strong>-Texte in einem Buch zu veröffentlichen. Das, so fand ich, ist in Zeiten der Urheberrechtsdebatte eine seltsame Idee, einfach einmal den umgekehrten Weg zu gehen, und frei zugängliche Internet-Texte als kostenpflichtige Druckversion zu publizieren. Und weil ich grundsätzlich und immer seltsamen Ideen gegenüber aufgeschlossen bin, schrieb ich zurück, dass ich dies für eine sehr interessante Idee hielte, mich aber dennoch fragen würde, wer denn dieses Buch lesen solle, worauf mir geantwortet wurde, dass nicht ein jeder Blogs lese, was zumindest für die Pflege ganz sicher zutreffend ist, da es ganz sicher keine analogere Branche auf dieser Welt gibt als eben die Pflege, und ich natürlich nicht einfach nur das Blog als Buch zur Veröffentlichung freigeben solle, sondern nur eine Auswahl der „besten“ Texte, die zudem vorher von dem Autor, also mir, in systematischen Zusammenhang gebracht und gebenenfalls mit einem Kommentar oder einer Einleitung versehen sein sollten. Also machte ich mich daran, die Texte der reform<strong>pflege</strong>, von denen ich die meisten seit ihrer Veröffentlichung nicht mehr gelesen hatte, in einen systematischen Zusammenhang zu bringen, wobei ich doch einigermassen erstaunt feststellte, dass die reform<strong>pflege</strong> seit ihrem ersten Text vom Mai 2010 eigentlich nur drei thematische Schwerpunkte verfolgt, die, sobald sie endlich in einen thematischen Zusammenhang gebracht werden, wesentlich aufschlussreicher und eingängiger zu lesen sind als auf dem Blog, da sie dort blogbedingt chronologisch über die Jahre erschienen und somit thematisch zerrissen sind.</p>
<p>Die drei thematischen Schwerpunkte, die ich identifiziert habe, und die in dieser Reihenfolge auch im Buch erscheinen werden sind: (1) Pflege und Gesellschaft, (2) Reformpflege und natürlich (3) Von der Transparenz. Und während ich die Texte also systematisierte und die einzelnen Abschnitte mit einer Einleitung und das Buch mit einem Vorwort versah, fiel mir auf, dass der zweite Abschnitt, Reformpflege, jetzt im systematischen Zusammenhang, eine ziemlich erschöpfende Zusammenfassung dessen gibt, was wir im Haus Tanneck eigentlich jeden Tag veranstalten, wie unsere spezielle therapeutische Arbeit mit Menschen mit Demenz, demode, funktioniert, und dass es zur vollkommenen Erschöpfung dieses Abschnittes eigentlich nur noch eines bedarf und das ist eine Erläuterung unserer therapeutischen Verfahrensanweisungen, der demodule, wonach wir zufälligerweise schon öfters gefragt wurden, es bisher aber nicht zufälligerweise unterliessen, diese auch zu veröffentlichen.</p>
<p>Wer also wissen will, warum das Haus Tanneck eigentlich keine Pflegeeinrichtung ist sondern ein Club, ein Club Robinson oder Club Med für Menschen mit Demenz, der nicht an den Ufern des Mittelmeers sondern eben im Nordschwarzwald gelegen ist, dessen Gäste nicht nach zwei Wochen der sinnlosen Bespassung wieder nach Hause reisen, sondern länger bei uns verweilen, weshalb wir Tag für Tag, an 365 Tagen im Jahr, für diese unsere Gäste unterschiedliche Lebenswelten konstruieren, da diese Lebenswelten dem jeweiligen Grad der Demenz unserer Gäste sinnvoll angepasst sein müssen, um ihnen auch in der Demenz eine grösstmögliche Lebensqualität zu garantieren, und wie dieser lebensweltliche Alltag in den jeweiligen Gruppen konkret aussehen sollte, und welche demodule wir verwenden, und wie so ein demodul aufgebaut ist &#8211; die oder der kann das jetzt alles nachlesen.</p>
<p>„Reformpflege. Neue Wege in der Pflege“ erscheint zunächst <a href="https://www.morebooks.de/store/de/book/reformpflege/isbn/978-3-8417-7043-1" target="_blank"><span style="text-decoration: underline;">hier</span></a> und soll in einigen Tagen überall dort erhältlich sein, wo Bücher nun einmal erhältlich sind.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.reformpflege.de/2012/05/schoner-lesen/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Der Krankenwagen des Grauens</title>
		<link>http://www.reformpflege.de/2012/03/der-krankenwagen-des-grauens/</link>
		<comments>http://www.reformpflege.de/2012/03/der-krankenwagen-des-grauens/#comments</comments>
		<pubDate>Sat, 31 Mar 2012 19:57:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Oliver Zajac</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Demenz]]></category>
		<category><![CDATA[Pflege]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.reformpflege.de/?p=482</guid>
		<description><![CDATA[Und auch wenn das niemand für möglich hält in unserer beschaulichen Branche, der Pflege, so bleibt sie doch immer noch eine Welt der Mysterien und Wunder, in der Unerklärliches und zuweilen auch Schauderhaftes geschieht. So gibt es beispielsweise viele Mutmassungen über das, was unseren Bewohnern widerfährt, wenn sie einmal auf Reisen gehen, sich einer stationären [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Und auch wenn das niemand für möglich hält in unserer beschaulichen Branche, der Pflege, so bleibt sie doch immer noch eine Welt der Mysterien und Wunder, in der Unerklärliches und zuweilen auch Schauderhaftes geschieht. So gibt es beispielsweise viele Mutmassungen über das, was unseren Bewohnern widerfährt, wenn sie einmal auf Reisen gehen, sich einer stationären Behandlung oder Diagnostik unterziehen müssen, und sie aufgrund ihrer dementiellen Erkrankung nicht mehr selbst berichten können, was ihnen unterwegs widerfahren ist, wenn sie immer öfter nicht vollständig zurückkommen in ihr heimatliches Pflegeheim, ihnen immer öfter etwas fehlt und zwar meistens ihre Versichertenkarte oder ihr Gebiss oder ihre Brille oder ihr Hörgerät oder auch alles zusammen. Es halten sich merkwürdige Gerüchte und Legenden was diesen stummen Reisenden wohl begegnet sein könnte, während ihrer Abwesenheit, da sie immer öfter zurückkehren in ihr heimatliches Pflegeheim mit einem Dekubitus oder zwei Dekubiti oder Wunden oder vollkommen exsikkiert oder alles zusammen. Doch was immer wir auch unternehmen, um Licht in dieses Dunkel zu bringen, wir beispielsweise in den Krankenhäusern anrufen, weil mal wieder ein Bewohner ohne Gebiss in sein Pflegeheim zurückkehrte und ein Mitarbeiter von uns die Vermutung äusserte, hinter fast jedem Krankenhaus befände sich mittlerweile ein grosser Haufen von Gebissen und Versichertenkarten und Hörgeräten und Brillen, und wir also die lieben Kollegen in den Krankenhäusern anrufen und bitten, doch einmal um ihr Krankenhaus herumzugehen zu ihrem Haufen, um mal nachzugucken, ob da vielleicht auch das Gebiss von Herrn W. … , ernten wir immer eine grosse Empörung von den lieben Kollegen, das sei eine Unverschämtheit, sagen sie dann, sie hätten nämlich überhaupt keinen Haufen und den Herrn W. vielmehr vollständig, also mit Gebiss an die Sanitäter vom Krankenwagen übergeben. Und wenn wir dann die lieben Kollegen fragen, warum der Herr W. oder die Frau D. mit einem Dekubitus oder zwei Dekubiti oder einer Wunde oder vollkommen exsikkiert zurückverlegt worden sind, ernten wir immer basses Erstaunen, da der Herr W. oder die Frau D. bereits vollkommen exsikkiert im Krankenhaus aufgenommen wurden und sodann mühsamst aufgepäppelt worden sind, und gerade eben die Schwester Monika, die den Herr W. oder die Frau D. vor der Rückverlegung gepflegt hat, noch gesagt hätte, dass der Herr W. oder die Frau D. bei bester Gesundheit und makellosem Hautzustand an die Sanitäter vom Krankenwagen übergeben worden sind. Und da fragen wir uns dann immer, wie das denn sein kann, dass wir den Herrn W. und die Frau D. vollständig und bei stationär behandlungsbedürftiger Gesundheit und ausreichend mit Flüssigkeit versorgt an die Sanitäter vom Krankenwagen übergeben, die diese vollkommen exsikkiert bei den lieben Kollegen vom Krankenhaus abliefern, die sie sodann mühsamst aufpäppeln müssen und nach Abschluss der stationären Behandlung bei bester Gesundheit und makellosem Hautzustand wiederum an die Sanitäter vom Krankenwagen übergeben, und wir unsere Bewohner endlich vollkommen exsikkiert und unvollständig und mit mangelhaften Hautzustand wieder zurückempfangen.</p>
<p>Und dann schauen wir uns tief in die Augen und fühlen einen eiskalten Schauder über die Rücken laufen und wagen eine kleine Ewigkeit nicht, das Unfassbare auch auszusprechen, bis ein heiseres Raunen endlich die Stille bricht:</p>
<p>„Der Krankenwagen des Grauens.“</p>
<p>Der Krankenwagen des Grauens ist die einzige Erklärung für dieses übernatürliche Phänomen, und auch wenn seine Existenz, wie das so ist bei übernatürlichen Phänomenen, bisher nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden konnte, so gibt es dennoch genügend mittelbare Beweise, die sich in das Fleisch so vieler unserer Bewohner geschrieben haben und sich im mysteriösen Verschwundensein so vieler Brillen, Gebisse, Versichertenkarten und Hörgeräten manifestieren, dass seine tatsächliche Existenz völlig ausser Frage stehen muss. Äusserlich nicht von einem normalen Sanitätswagen zu unterscheiden, verfügt der Krankenwagen des Grauens auch über eine Besatzung, die vollkommen unverdächtig daher kommt, die nett ist und freundlich, sich aufopferungsvoll um unsere Bewohner kümmert, sie vorsichtig auf die Bahre befördert, ihnen sachte die Sicherheitsgurte anlegt und sie behutsam in das Innere des Wagens bugsiert. Spätestens aber wenn die Heckklappe geschlossen ist, der Fahrer den Motor angelassen hat und der Krankenwagen langsam vom Hof fährt, müssen in seinem Inneren unheimliche Veränderungen vor sich gehen. Dann erst schnallt die Besatzung den Sicherheitsgurt fester, so fest, dass es kein Entkommen mehr gibt, dann erst wird der Patientenbereich hermetisch von der Fahrerkabine abgeriegelt und &#8211; Gipfel der Perfidie &#8211; die Heizung angeschaltet, die den Patientenbereich grausam zuverlässig und effizient schnell auf über 50 Grad Celsius erhitzt, und unsere Bewohner in vor Hitze flirrender Luft und unter dem hämischen Gelächter der grauenhaften Krankenwagenbesatzung all jene mühsam vereinnahmten Milliliter Flüssigkeit wieder dampfend von sich geben. Und weil der Krankenwagen des Grauens keine Gnade kennt, wird die Heizung erst ausgeschaltet, wenn die Bewohner vollkommen ausgedampft und exsikkiert sind und sie an ihrem Bestimmungsort wie ein welkes Blatt den lieben Kollegen vom Krankenhaus entgegenwehen, die allein schon deshalb und nicht etwa zur eigenen Absicherung in ihren seltsamen Entlassberichten schon bei Aufnahme aus einem Pflegeheim den immer gleichen Textbaustein „Exsikkose“ aktivieren, bevor sie sich daran machen, die Bewohner liebevollst zu hegen und pflegen, sie wieder aufzupäppeln, um sie im allerbesten und vollständigen Zustand eben wieder den Sanitätern des Grauens zu überantworten, die natürlich unsere armen Bewohner wieder auf ihre Trage festschnallen und die Heizung anschalten, sich aber diesmal nicht nur mit einer läppischen Exsikkose zufriedengeben sondern sich auch noch auf unsere Bewohner stürzen, sie zusätzlich mit Haltegurten fixieren, ihnen Gebiss und Hörgerät und Brille und Versichertenkarte entreissen, das Fenster herunterkurbeln, die Gebisse und Hörgeräte und Brillen und Versichertenkarten bei rasender Fahrt aus dem Fenster schmeissen, um sodann die bewegungsunfähigen Bewohner stunden-, wenn nicht sogar tagelang durch die Gegend zu fahren, bis sich endlich ein Dekubitus oder auch zwei Dekubiti oder auch Wunden oder auch alles zusammen ausgebildet haben.</p>
<p>Es muss jetzt ungefähr zehn Jahre her sein, da telefonierte ich mit der Pflegedienstleitung eines Krankenhauses. Anlass des Telefonats war der Ärger eines gesetzlichen Betreuers eines dementen und immobilen Bewohners von uns, der sich eben in diesem Krankenhaus einen ziemlich hässlichen Dekubitus eingehandelt hatte. Die Pflegedienstleitung bestritt seinerzeit, dass sich der Bewohner den Dekubitus in ihrem Hause zugezogen hätte. Da fragte ich dann eher aus Scherz, ob sie denn meine, der Bewohner hätte sich den Dekubitus während des Krankentransports, der schätzungsweise 30 Minuten währte, zugezogen. Das könne sie nicht ausschliessen, antwortete sie. Der Betreuer hat dann später das Krankenhaus wegen Körperverletzung angezeigt.</p>
<p>Ich kann nicht behaupten, dass derartige &#8220;Fälle&#8221; vor zehn Jahren aussergewöhnlich waren, sie waren jedoch eher die Ausnahme. Dieses Bild hat sich in den vergangenen Jahren drastisch gewandelt, wenn man es auch nicht generalisieren kann, es betrifft nicht alle Krankenhäuser und auch nicht alle Stationen der betroffenen Krankenhäuser, Tatsache ist aber, dass Menschen mit Demenz heutzutage einem grösseren Risiko ausgesetzt sind, Opfer eines Pflegefehlers im Krankenhaus zu werden als noch vor zehn Jahren. Sollten die Menschen mit Demenz auch noch immobil sein, steigert sich dieses Risiko noch einmal beträchtlich. Ursache dafür ist natürlich nicht der „Krankenwagen des Grauens“ sondern die ausgedünnten Schichten auf den Stationen der Krankenhäuser, die grundpflegerischen Aufgaben nicht mehr oder nicht mehr im ausreichenden Masse nachkommen können.</p>
<p>Wir pflegen derzeit mal wieder ein Opfer des „Krankenwagens des Grauens“, eine demente Bewohnerin, die sich in einem Krankenhaus zwei offene Fersen eingehandelt hat, eine davon schon mit nekrotischem Gewebe. Ich muss gestehen, dass mich derartige „Fälle“ nicht mehr sonderlich erstaunen, sie sind mir eigentlich schon zur Routine geworden, umso beschämter war ich, als ich bemerkte, wie verärgert unsere Pflegedienstleitung war. Sie hatte sich stark für die stationäre Behandlung der Bewohnerin eingesetzt, hatte sich dadurch eine Verbesserung ihres Allgemeinzustandes erhofft &#8211; und jetzt das. Sie war ausser sich. Und ich verstand: das war oder ist eine Routine, die sie niemals bereit sein wird, zu akzeptieren. Die Routine eines der reichsten Länder der Welt, dessen Krankenkassen in den letzten Monaten  einen Milliardenüberschuss „erwirtschaftet“ haben, den ein Gesundheitsministerchen gerne an sein hoffentlich dankbares Wahlvolk verteilen lassen will. Die Routine eines Gesundheitssystems, das jedes Jahr über 250 Milliarden kostet, und dafür regelmässig in Kauf nimmt, dass gerade die Wehrlosesten unter uns im kosteneffizient zu gestaltenden Krankenhausalltag komplett untergehen. Meine Routine, zwei offene Fersen aus dem Krankenhaus, notdürftig mit Betaisodona bepinselt und verbunden, das Zucken im Gesicht des behandelnden Hausarztes, wenn er hört, dass unsere PDL auf das neue und ziemlich teure Wund-Gel insistiert, und er an seine Budgetgrenzen denken muss, der Anruf von der zuständigen Krankenkasse, der ein Rezept für eine Matratze zur Dekubitusprophylaxe für die zwei Fersen vorliegt, das man nur erhält, wenn man schon Dekubitus hat, und die nun argumentiert, die zwei Fersen bräuchten doch eigentlich keine Matratze zur Dekubitusprophylaxe mehr, da sie ja bereits Dekubitus haben.</p>
<p>Das Verfahren gegen das Krankenhaus, welches der Betreuer vor zehn Jahren durch seine Anzeige angestrengt hat, wurde übrigens eingestellt. Wegen mangelndem öffentlichen Interesse.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.reformpflege.de/2012/03/der-krankenwagen-des-grauens/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Wir Pflegebedürftigen</title>
		<link>http://www.reformpflege.de/2012/01/wir-pflegebedurftigen/</link>
		<comments>http://www.reformpflege.de/2012/01/wir-pflegebedurftigen/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 30 Jan 2012 20:35:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Oliver Zajac</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Ambulant]]></category>
		<category><![CDATA[Demenz]]></category>
		<category><![CDATA[Pflege]]></category>
		<category><![CDATA[Wellcare]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.reformpflege.de/?p=465</guid>
		<description><![CDATA[Wie reformpflege berichtete, hat die schwarz-gelbe Koalition inzwischen einen ersten Entwurf der Pflegereform vorgelegt, der auf ziemlich viel Begeisterung gestossen ist, sodass für die weitere Umsetzung der Pflegereform eigentlich nur das Schlimmste zu befürchten bleibt, zumal das eigentliche Kernstück der Reform, die Einführung eines neuen  Pflegebedürftigkeitsbegriffs, jetzt wieder einmal verschoben worden ist. Und da [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wie reform<strong>pflege</strong> berichtete, hat die schwarz-gelbe Koalition inzwischen einen ersten Entwurf der Pflegereform vorgelegt, der auf ziemlich viel Begeisterung gestossen ist, sodass für die weitere Umsetzung der Pflegereform eigentlich nur das Schlimmste zu befürchten bleibt, zumal das eigentliche Kernstück der Reform, die Einführung eines neuen  Pflegebedürftigkeitsbegriffs, jetzt wieder einmal verschoben worden ist. Und da die politisch verantwortlichen Protagonisten sich nicht wirklich mit Pflege auskennen, sie vielmehr aus anderen Berufen in die Politik gewechselt sind, sie einstmals ihre Auskommen in der Wirtschaft, genauer in der Bankwirtschaft fanden und gerade Daniel Bahr während seiner Beiratstätigkeit bei der Ergo Versicherungsgruppe AG sogar Gelegenheit hatte, diese, seine spezifischen Bankwirtschaftskenntnisse noch um spezifische Kenntnisse über kapitalbildende Versicherungsmathematik zu erweitern, ist es nur auf den ersten Blick tröstlich, dass nun wieder ein Expertenbeirat eingesetzt werden muss, der den Herrn Bahr berät, wie der neue Pflegebedürftigkeitsbegriff, der bereits 2009 durch einen Expertenbeirat erarbeitet wurde, <em>jetzt</em>, 2012, zügig umgesetzt werden kann.</p>
<p>Nun ist „Pflegebedürftigkeitsbegriff“ ein wunderschönes deutsches Wort, fast so schön wie „Begutachtungsassessment“, das zwar kein rein deutsches Wort ist, aber dennoch ziemlich wichtig klingt. Begibt man sich auf die Spuren dieses wunderschönen, rein deutschen Wortes, und begibt man sich so auf die Spuren, wie es derzeit allgemeiner Usus ist, so findet sich, dass Wikipedia dieses Wort eben nicht findet, seinen Sinn nicht anzugeben mag, was insofern erstaunlich ist, da doch immerhin eine ganze Expertenkommission voller Professoren und Doktoren eingesetzt wurde, die keinen anderen Zweck verfolgten, als eben diesen Begriff zu überprüfen, ihn neu zu definieren, um sodann auf ganzen 157 Seiten dem Bundesministerium für Gesundheit zu berichten, was von Wikipedia augenscheinlich aber nicht zur Kenntnis genommen worden ist. Damit aber nicht genug, sorgt doch auch der Wikipedia-Eintrag zur „<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Pflegebedürftigkeit" target="_blank">Pflegebedürftigkeit</a>“ gleich mit dem ersten Satz für Verwirrung, der da behauptet: „Pflegebedürftigkeit bezeichnet einen Zustand, in dem eine Person durch eine Krankheit oder Behinderung dauerhaft nicht in der Lage ist, alltäglichen Aktivitäten und Verrichtungen selbstständig nachzugehen und deshalb Hilfe zur Bewältigung der daraus resultierenden Defizite benötigt.“, was im Umkehrschluss eigentlich nur bedeuten kann, dass eine Person, die nicht krank oder behindert ist, auch keiner Pflege bedarf, was wiederum Unsinn ist, denn eine jede Person, sei sie krank oder behindert oder gesund, bedarf der Pflege, sie bedarf der Körperpflege, der psychischen Pflege, der sozialen Pflege, der seelischen Pflege usw., was wiederum nur bedeuten kann, dass wir alle pflegebedürftig sind, und zwar eigentlich und immer und zu jeder Zeit. Wir sind pflegebedürftig als Säuglinge, Kleinkinder, Teenager, Erwachsene, Senioren, Demente, Nicht-Demente usw., wir schleppen unsere eigene Pflegebedürftigkeit jeden Tag mit uns herum, gehen mit unserer eigenen Pflegebedürftigkeit jeden Abend zu Bett, stehen jeden Morgen mit unserer ureigenen Pflegebedürftigkeit wieder auf, betrachten sie im Spiegel, sehen sie in unseren Bartstoppeln, im zerzaustem Haar, spüren sie in den Knochen, in unserem Gedärm, fühlen sie als ein Bedürfnis nach Wärme, nach Sicherheit, nach Zuwendung, nach einem Anderen, nach etwas anderem usw., und unterscheiden uns lediglich hinsichtlich des Grades der Autonomie, indem wir selbst in der Lage sind, dieser ureigenen Bedürftigkeit nachzukommen oder eben nicht, das heisst, der erste Satz des Wikipedia-Eintrags müsste eigentlich lauten: „Heteronom versorgte Pflegebedürftigkeit bezeichnet einen Zustand…usw. usf.“, da der Zustand, den Wikipedia eigentlich erklären will, eben immer nur ein Zustand der beschädigten Autonomie, der defekten Eigensorge ist und sein kann. Es ist das einzige Verdienst der Demenz, dass sie die Unzulänglichkeit des historischen Pflegebegriffs offenbart hat, der in der Tradition der Medizin stehend, wahre Pflegebedürftigkeit immer nur in körperlichen Gebrechen verortet und selbst wenn in der psychiatrischen Tradition stehend, als Pflege, immer nur körperliche Ausgeglichenheit herzustellen hatte. Es ist die Demenz, die grausam deutlich gemacht hat, dass der historische Pflegebegriff schon der Defekt an sich ist, der die Autonomie eines Menschen zerteilt, ihm eine Pflegebedürftigkeit oder eben eine heteronom zu versorgende Bedürftigkeit nur dann zugesteht, wenn sie in Pflegeminuten an seinem Körper, an einem Defekt im Defekt abzulesen ist, statt auch an einem Defekt in seinem psychischen Erleben, an seiner Sozialität und somit an seiner Autonomie in ihrer Gänze. Eine traurige Reduktion auf einen Organismus, der nicht mehr fähig ist, „die gewöhnlichen und regelmäßig wiederkehrenden Verrichtungen im Ablauf des täglichen Lebens auf Dauer“ (Wer denkt sich so etwas nur aus? Und wer kopiert diesen Satz aus dem SGB XI dann fast wortwörtlich nach Wikipedia?) eigenverantwortlich durchzuführen und diese Unfähigkeit dann bei Bedarf nach den Standards von irgendwelchen Begutachtungsassessments den Begutachtern des MDK vorzuführen hat. Die generelle Pflegebürokraten-Denke, das Kategorisieren menschlicher Betreuungs- und Pflegebedarfe in Stufen, unterstellt, dass der Aufwand einer professionellen Pflege- und Betreuungsqualität in den unteren Stufen weit geringer ist als in den oberen. Und eben dieses Unterstellen ist schon der Irrtum selbst, der auch nicht richtiger wird, wenn man jetzt, wie geplant, aus drei fünf Pflegestufen macht, um die Bedürfnisse der Menschen mit Demenz besser zu berücksichtigen, denn wenn man die spezifischen Bedürfnisse dieser Menschen aufrichtig und besser berücksichtigen wollte, dann könnte man wissen, dass eine Heimaufnahme eigentlich und immer und grundsätzlich aus einem einzigen Grund erfolgt und das ist eine beschädigte Autonomie, die den Betroffenen nicht mehr erlaubt, ihrer Bedürftigkeit in Eigensorge nachzukommen, was unterschiedliche Ursachen haben kann. Und wenn man jetzt mal unterstellt, dass es die Aufgabe einer modernen Pflege sein sollte, sich dieser beschädigten Autonomie anzunehmen, sie durch pflegerische, also professionelle Heteronomie so zu ergänzen, dass sie die noch gesunden Anteile der Autonomie nicht erstickt, dann ist es völlig unsinnig zu sagen,<em> dieser Mensch ist „nur“ dement, seine Demenz ist aber noch nicht so manifest, dass sie sich in erhöhter körperlicher Pflegebedürftigkeit niedergeschlagen hat, der „ist“ deshalb nur Pflegestufe I</em>, weil eben die durch die beginnende Demenz angegriffene Autonomie anders ergänzt, anders supplementiert werden muss als eine angegriffene Körperlichkeit, sie muss therapeutisch supplementiert werden und nicht pflegerisch, und sie bedarf gerade in der ersten Phase der Demenz einer sehr aufwendigen Supplementation, da eben der noch gesunde Anteil der Autonomie immer noch, wenn auch nicht jeder Zeit, so doch hin und wieder, wenn auch manchmal nur intuitiv, „versteht“, dass er gerade im Begriff ist, durch den beschädigten Anteil der Autonomie nach und nach zerstört zu werden, was Verzweiflung, Wut, Trauer in abgrundtiefer Hilflosigkeit zur Folge haben kann und wird. Da die Demenz aber meistens ein Prozess ist, wird der kleiner werdende „gesunde“ Teil irgendwann vergessen, er wird sich faktisch selbst vergessen und wird nach diesem Sich-Selbst-Vergessen zu einer „anderen“ Autonomie, die einer anderen professionellen Supplementation bedarf, deren Hauptaugenmerk nicht mehr auf der Vermeidung „negativer“ (und somit eigentlich gesunder) affektiver Impulse liegt, sondern sich darauf konzentrieren sollte, bei gleichzeitigem Anstieg der körperlichen Pflegebedürftigkeit, eine emotionale Geborgenheit herzustellen, indem die stationäre Pflege eine therapeutische und pflegerische Lebenswelt schafft, die dieser nun fast „kleinkindlichen“ Bedarfslage gerecht wird.   Und weil der Prozess Demenz meistens unerbittlich ist und nur in seltenen Fällen in irgendeiner seiner Phasen eine längere Pause einlegt, wird sich auch diese Bedarfslage &#8211; mal schneller, mal langsamer &#8211; wieder verändern, benötigt eine dann fast vollkommen ausgehöhlte Autonomie wieder eine andere Supplementation, da sie jetzt tatsächlich zu einer grösstenteils bedürftigen Körperlichkeit geworden ist, „(deren) gewöhnlichen und regelmäßig wiederkehrenden Verrichtungen im Ablauf des täglichen Lebens auf Dauer“ nun fast vollständig von Pflege übernommen werden muss, deren Techniken aber beispielsweise durch Basale Stimulation oder WellCare therapeutisch aufgeladen sein sollten. Wenn man diese Zeilen, die alltägliche Praxis reflektieren, liest, so wird man anerkennen müssen, dass die heteronom versorgte Pflegebedürftigkeit tatsächlich unterschiedliche Phasen (oder wenn man so will: Stufen) kennt, dass sich diese Phasen aber hinsichtlich des dafür notwendig zu betreibenden Aufwandes nicht unterscheiden, da der Prozess Demenz eben nicht nur pflegerische Herausforderungen bereithält sondern auch therapeutische und dass je mehr die therapeutischen Herausforderungen während des Prozesses der Demenz abnehmen, die pflegerischen zunehmen. Dieser Prozess ist also genauer gekennzeichnet nicht nur durch eine Dialektik zwischen Autonomie und Heteronomie sondern auch durch eine Dialektik zwischen therapeutischer und pflegerischer Professionalität, da sich die Intensität der notwendigen therapeutischen Interventionen mit der sich auflösenden Demenz-Autonomie verringert und die Notwendigkeit der rein pflegerischen Interventionen in gleichem Masse zunimmt. Eine Pflegereform, welche den Anspruch hat, die Situation von Menschen mit Demenz zu verbessern, Pflege also ausnahmsweise einmal von der Bedürftigkeit der Betroffenen her zu denken, hat dieser Tatsache Rechnung zu tragen, und das tut sie nicht, indem sie drei, fünf oder sechzehneinhalb Pflegestufen erfindet, wenn die stationäre Pflege eigentlich nur eine Pflegestufe braucht, da sich der professionelle Aufwand in jeder Phase der Demenz gleicht. Dass diese sich nun anbahnende Pflegereform nur wenig Interesse hat, die Situation von Menschen mit Demenz wirklich zu verbessern, zeigt schon ihr erkennbares Bemühen, die Betreuung von Menschen mit Demenz für ein wenig mehr Betreuungsgeld hauptsächlich in die ambulante Pflege zu verlagern, die dieser Aufgabe aber professionell gar nicht gerecht werden kann. Es ist die Demenz, die nicht nur den Defekt des bisherigen Pflegebedürftigkeitsbegriffes entlarvt hat sondern nun auch die Unzulänglichkeit des Pflegestufenmodells offenbart, das immer noch versucht, die Bedingungen der ambulanten, stationären und teilstationären Pflege über den gleichen drei- oder fünfstufigen Kamm zu scheren, obwohl doch schon längst offensichtlich sein sollte, dass für eine ambulante Pflege, die das leistet, was sie leisten kann, nämlich die Versorgung hauptsächlich körperlicher Pflegebedürftigkeit und die punktuelle Entlastung von betreuenden und pflegenden Angehörigen, das Pflegestufenmodell zwar nach wie vor eine Berechtigung haben kann, die es für die stationäre und teilstationäre Pflege, die eine professionelle Betreuung von Menschen mit Demenz leisten könnten, aber nicht mehr haben wird, wenn man den Betreuungsbedarf von Menschen mit Demenz endlich als gleichrangig mit dem allgemeinen körperlichen Pflegebedarf anerkennen würde.</p>
<p>Die Abschaffung der Pflegestufen in der stationären und teilstationären Pflege wäre aber nicht nur ein Gebot der Gerechtigkeit, sondern auch die einzige Möglichkeit, das Pflegeversicherungsgeld einzusparen, welches derzeit im behördendeutschen Begutachtungs-, Neubegutachtungs-, Wiederbegutachtungs- und Widerspruchsverfahrens-Wahnsinn tagtäglich verbrannt wird, ganz zu schweigen davon, dass die Abschaffung der Pflegestufen die Pflegeheime endlich von dem leider nicht immer unbegründeten Verdacht befreien würde, ihre Bewohner aus Kostengründen gerne in die nächsthöhere Pflegestufe „pflegen“ zu wollen.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.reformpflege.de/2012/01/wir-pflegebedurftigen/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Breaking News 6</title>
		<link>http://www.reformpflege.de/2012/01/breaking-news-6/</link>
		<comments>http://www.reformpflege.de/2012/01/breaking-news-6/#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 18 Jan 2012 18:23:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Oliver Zajac</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Ambulant]]></category>
		<category><![CDATA[Demenz]]></category>
		<category><![CDATA[Pflege]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.reformpflege.de/?p=463</guid>
		<description><![CDATA[Mittlerweile haben sich die Pläne der schwarz-gelben Koalition bezüglich der Verbesserung der häuslichen Versorgung von Menschen mit Demenz konkretisiert. Zukünftig sollen Menschen mit Demenz aller Pflegestufen (auch Pflegestufe &#8220;0&#8243;) zusätzliche Sachleistungen in Höhe von 325 Euro bzw. 425 Euro (schwere Fälle)  monatlich in Anspruch nehmen dürfen. Den Betroffenen der Pflegestufe I stünden somit insgesamt 765 [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Mittlerweile haben sich die Pläne der schwarz-gelben Koalition bezüglich der Verbesserung der häuslichen Versorgung von Menschen mit Demenz <span style="text-decoration: underline;"><a href="http://www.tagesschau.de/inland/demenzhilfe100.html" target="_blank">konkretisiert</a></span>. Zukünftig sollen Menschen mit Demenz aller Pflegestufen (auch Pflegestufe &#8220;0&#8243;) zusätzliche Sachleistungen in Höhe von 325 Euro bzw. 425 Euro (schwere Fälle)  monatlich in Anspruch nehmen dürfen. Den Betroffenen der Pflegestufe I stünden somit insgesamt 765 Euro bzw. 865 Euro (schwere Fälle) monatlich zur Verfügung. Ganz unabhängig davon, dass die klassische ambulante Pflege per definitionem  gar nicht in der Lage ist, die fachlich adäquate psychosoziale Betreuung von Menschen mit Demenz zu leisten, könnte sie sie (die Betreuung) auch gar nicht leisten, selbst wenn sie dazu fachlich in Lage wäre, da eine fachlich adäquate psychosoziale Einzelbetreuung in der Häuslichkeit der Menschen für Demenz für diese Menschen (und/oder deren Angehörige) auch mit 425 Euro zusätzlich gar nicht zu finanzieren ist, weshalb diese 425 Euro zusätzlich eigentlich nichts anderes sind als der ziemlich traurige Versuch, sich aus der Verantwortung zu stehlen und die Menschen mit Demenz sowie deren Angehörige für ein bisschen Handgeld sich selbst zu überlassen. (Und sich dafür auch noch feiern zu lassen).</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.reformpflege.de/2012/01/breaking-news-6/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
	</channel>
</rss>
