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	<title>Reformpflege &#187; Aktuell</title>
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	<description>Neue Wege in der Pflege</description>
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		<title>Morbus Hysterie III</title>
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		<pubDate>Fri, 24 Jul 2020 19:32:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Oliver Zajac</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Pflege]]></category>

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		<description><![CDATA[Und auch weil die Behörden inzwischen Internet haben, sei diesem Text und auch dem Folgenden der dringende Hinweis vorangestellt, dass nichts, aber auch wirklich gar nichts des Erzählten sich so wie im Anschluss beschrieben auch tatsächlich ereignet hat. Nichts davon ist wahr, alles nur erfunden, eine reine Ausgeburt der Fantasie, geradezu unverschämt aus den Fingern [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Und auch weil die Behörden inzwischen Internet haben, sei diesem Text und auch dem Folgenden der dringende Hinweis vorangestellt, dass nichts, aber auch wirklich gar nichts des Erzählten sich so wie im Anschluss beschrieben auch tatsächlich ereignet hat. Nichts davon ist wahr, alles nur erfunden, eine reine Ausgeburt der Fantasie, geradezu unverschämt aus den Fingern gesogen und dann zusammen fabuliert.</p>
<p>Und so entspricht es natürlich auch nicht der Wahrheit, dass vor ein paar Jahren nicht nur eine kleine und vollkommen unbedeutende Pflegeeinrichtung im Nordschwarzwald von einer heftigen Grippewelle heimgesucht worden ist, die nicht nur uns, sondern auch allen anderen Pflegeeinrichtungen in der Region schwer zu schaffen machte. Offenbar weil der Impfstoff versagt hatte, rannte das Influenza-Virus beinahe ungehemmt durch das Haus, nicht nur viele Bewohner waren infiziert, auch der Pflegedienst war schwer angeschlagen, sodass letztlich nur noch zwei examinierte Pflegefachkräfte für den Tagdienst zur Verfügung standen, den sie in 10- und 12-Stundenschichten über Wochen abdeckten: Oberschwester &#8211; wer sonst? &#8211; orthomol-gestählt wie immer, und eine kroatische Krankenschwester, die erst kürzlich zu uns gestossen war. Was Oberschwester angeht, wunderte mich schon damals eigentlich über nichts mehr, aber mir imponierte die junge zierliche Krankenschwester, die ein Engagement zeigte, das nicht selbstverständlich war. Also passte ich sie eines Tages ab, als sie mit Oberschwester an meiner offenen Bürotür vorbei huschte, um die Medikamente im Pavillon zu verteilen und sagte ihr, dass ihr Engagement in dieser schweren Zeit aussergewöhnlich sei, wofür ich ihr danken möchte. Und da schaute sie mich ganz erstaunt an, wie nur &#8211; das weiss ich inzwischen &#8211; Eva* erstaunt schauen kann, und sagte mir, ich brauche ihr nicht zu danken, denn das sei ihr Job.</p>
<p>Und diese Worte merkte ich mir, weil ich damals zu spüren glaubte, dass sie keine blosse Floskeln, sondern durchaus ernst gemeint waren.  In der Folgezeit beantragten wir dann beim zuständigen Regierungspräsidium in Stuttgart die deutsche Anerkennung ihrer kroatischen Berufsausbildung, damit die EU-Bürgerin Eva auch in Deutschland eine „vollwertige“ Krankenschwester sein durfte. Allerdings stand dieser Antrag auf „Anerkennung einer ausländischen Berufsausbildung“ von Anfang an unter keinem guten Stern. Der erste Antrag mit allen übersetzten und beglaubigten Unterlagen ging im RP verloren, auf unserer telefonische Nachfrage, erhielten wir die Auskunft, der Antrag sei wohl nie im RP angekommen. Also sandten wir einen zweiten Antrag, diesmal per Einschreiben mit Rückschein. Auch dieser Antrag löste keine Resonanz im RP aus, diesmal erhielten wir die Auskunft, dass der Antrag wohl angekommen, aber irgendwie im Haus untergegangen sei. Erst nach unserem dritten Antrag setzte ein monatelanges Behörden-Ping-Pong ein, an dessen Ende dann die Ablehnung der Anerkennung der ausländischen Berufsausbildung erfolgte und zwar mit der Begründung, unsere kroatische Krankenschwester, von deren Fähigkeiten und Qualifikationen sich unsere Oberschwester schon seit Monaten überzeugen konnte, hätte die falsche Abschlussprüfung abgelegt. Und tatsächlich hatte Eva die Abschlussprüfung einer Hebamme abgelegt, dies hatte aber seinen Grund in der spezifischen kroatischen Ausbildungspraxis. Dort durchlief sie eine generalistische fünfjährige Ausbildung für Medizinberufe, in welcher man oder frau die Ausbildungsinhalte verschiedener medizinischer Berufe erlernt, auch die einer Pflegefachkraft,  sich aber erst zum Schluss der Ausbildung für einen Beruf wirklich entscheidet. Sie hatte somit die falsche fachliche Abschlussprüfung ausgewählt oder &#8211; wenn man so will &#8211; das falsche Bundesland, denn eine Mitschülerin von ihr hatte mit Nordrhein-Westfalen als neuen Wohnort eine glücklichere Wahl getroffen, obwohl auch sie die Hebammenprüfung abgelegt hatte, gestattete man ihr dort ein mehrwöchiges klinisches Praktikum und eine Nachprüfung zur deutschen Anerkennung ihrer Berufsausbildung als Pflegefachkraft, welche sie auch bestand. Derlei Pragmatismus war aber Stuttgart fremd, hier verbiss man sich in eine Formalie und bot man die Prüfung der deutschen Anerkennung  des erlangten kroatischen Hebammen-Berufsabschlusses an, ohne näher zu erläutern, was ein Pflegeheim mit einer Hebamme eigentlich anfangen soll. Wollte sie also bei uns bleiben, musste sie hier in Baden-Württemberg die Ausbildung zur Pflegefachkraft nochmals durchlaufen. Sie meldete sich als unser Pflege-Azubi in der Schule für Altenpflege an. Und immerhin gewährte Stuttgart ihr die &#8220;Gnade&#8221;, im zweiten Ausbildungsjahr anfangen zu dürfen.</p>
<p>Ich habe in Vorbereitung auf das, was man derzeit und wohl auch in Zukunft die Corona-Krise nennt und nennen wird, öfters an die diese schwere Grippewelle vor ein paar Jahren gedacht, obwohl ich hier an dieser Stelle schon geschrieben habe, dass Corona und die Influenza nicht miteinander zu vergleichen sind, eben weil für die Influenza jedes Jahr ein Impfstoff parat steht, der zugegebenermassen mal mehr und mal weniger passgenau ist. In jenem Frühjahr, als der Impfstoff vermutlich nicht besonders passgenau war, verloren wir 9 Bewohner, wir verloren sie aber nicht durch die Influenza, sondern wir verloren diese Bewohner, weil sie bereits vor dieser Krankheit am Ende ihres Lebens standen. Und Menschen, die am Ende ihres Lebens stehen, die lebenssatt, altersschwach und müde sind, sterben vor allem in den Zwischenjahreszeiten, also im Herbst und im Frühling. Das wissen alle Pflegeheimbetreiber, das wissen auch alle Bestattungsunternehmer, das schlägt sich in jeder jährlichen Sterblichkeitsstatistik nieder und das weiss auch der schwäbische Volksmund, der spricht: „Wenn das Laub kommt oder geht, sterben die Leut’. “ Warum das so ist, vermag ich nicht zu sagen, ich erkläre es mir aber so, dass die biologischen Kraftanstrengungen zur Umstellung des Körpers von Sommer auf Winter oder von Winter auf Sommer für einen alten und erschöpften Organismus zu aufreibend und auszehrend sind und damit letztendlich auch tödlich sein können, eben weil diese Anstrengungen ihm die allerletzten Kräfte rauben, so wie bei einem alten Baum, der am Ende seines Lebenszyklus steht und noch einmal alle seine Kräfte mobilisiert, wenn der Frühling naht, und versucht seine Lebenssäfte von den dünnsten Wurzelspitzen bis in die keimenden Blattknospen zu ziehen. Eine Anstrengung, schwer genug für so einen alten Baum, der damit ohnehin schon nah am Tode balanciert, ein verzweifeltes Unterfangen, das umso schneller  beendet werden kann, wenn ihn auf einmal ein später Frost erwischt, so wie einen lebenssatten schwachen Heimbewohner ein Virus erwischen kann, das er in früheren Jahren lebensfroh und fast ohne es zu bemerken einfach abgeschüttelt hätte.</p>
<p>In Vorbereitung auf das, was man auch in Zukunft die Corona-Krise nennen wird, gelang es uns zwar, genug Desinfektionsmittel für alles Mögliche aufzutreiben, auferlegten wir den Stationen II und III bereits recht früh eine Art Beinahe-Quarantäne, indem wir diese vulnerablen Bewohner von den fitteren Bewohnern der Station I trennten, da diese zu dieser Zeit noch selbständig draussen unterwegs waren und ihre Kontakte im Ort pflegten, jedoch gelang es uns nicht mehr, ausreichend Schutzausrüstungen aufzutreiben. Dieses Problem hatten wir seinerzeit, Ende Februar und im März, nicht exklusiv, alle Kliniken und Pflegeeinrichtungen des Landes suchten beinahe schon verzweifelt nach Schutzausrüstungen. Und zwar Schutzausrüstungen guter Qualität und hier insbesondere Atemschutzmasken der Klassifizierungen FFP2, N95 oder KN95, die ein wirksames Mittel der Umkehr-Isolation sind, da sie nicht nur den Maskenträger, sondern auch den Bewohner vor einer möglicherweise infizierten Pflegekraft schützen. Denn anders als eine bestimmte Frau Maier, die mich in jenen frühen Märztagen anrief, um sich zunächst über die geführten Gruppenspaziergänge der Bewohner der Stationen II und III zu beschweren, bevor sie uns wenige Tage später auch noch bei der Polizei denunzierte, welche unsere Gruppen auch tatsächlich kontrollierte und hierbei die Vereinbarkeit mit den damals geltenden Corona-Regelungen feststellte, glaubte ich nicht daran, dass man sich dieses Virus einfach so im Vorbeigehen einfangen konnte. Nach allem, was man hörte und las, bedurfte und bedarf es schon einer gewissen Viruslast, um sich zu infizieren, weshalb eine initiale Infektion von Bewohnern im Haus wahrscheinlicher durch Mitarbeiter &#8211; und hier vor allem jenen in der Pflege &#8211; aber auch durch Angehörige oder Ärzte zu erwarten war, da medizinische Behandlung und Pflege und hier vor allem qualitativ sehr gute Grundpflege Dienstleistungen sind, die man nicht vom Home-Office aus erbringen kann, da sie erfordert, mehrmals täglich in die Nahdistanz zum Bewohner zu gehen, ihn zu waschen, zu pflegen, anzuziehen, seine Inkontinenz zu versorgen, ihn zu füttern und ihn wieder bettfertig zu machen. Pflege ist ein Dienst, der hautnah erbracht werden muss. Und dieser Dienst braucht optimalen Schutz, den wir in der kritischen Phase im März nicht hatten. Wir hatten ein paar hundert OP-Masken, sogenannte MNS, die bei bestmöglicher Verwendung zwei Wochen gereicht hätten, rund zweihundert Schutzkittel, dazu noch mehrere Dutzend Kopfbedeckungen, ein paar Schutzbrillen und natürlich Gummihandschuhe. Die übliche Routine-Ausrüstung also, über die Pflegeeinrichtungen verfügen, die sich in den letzten Jahren vermehrt mit den sogenannten Krankenhauskeimen, wie beispielsweise MRSA, auseinandersetzen mussten. Und damit waren wir vergleichsweise noch gut bedient, andere Einrichtungen hatten noch weniger Material oder noch nicht mal das. Was Atemschutzmasken der Klassifizierungen FFP1, FFP2 oder FFP3 sind, wusste ich in der Vor-Corona-Zeit nicht, auch nicht, dass FFP2 Masken OHNE Atemventil die richtige Wahl für medizinisches oder pflegerisches Personal im Umgang mit dem Corona-Virus sind. Ich bestellte FFP3 Masken MIT Atemventil in China zu einem „unverschämten Preis“ von 8 Euro das Stück, die, als sie nach zwei Wochen hier eintrafen, bereits für 200 bis 400 Euro das Stück im Internet gehandelt wurden, weil nicht nur unsere Grosshändler bereits seit Wochen ausverkauft waren und ich endlich begriffen hatte, dass unsere Regierenden trotz fleissiger Pandemieplan-Schreiberei und der Erstellung von Risikoanalysen keinerlei Vorkehrungen für eine Nationale Reserve an Schutzausrüstungen getroffen hatten. Und mit dieser Vernachlässigung eines wichtigen Bereiches der Daseinsvorsorge nicht genug, verschenkten sie das Wenige an Schutzausrüstungen, das bundesweit immerhin zur Verfügung stand, noch wenige Wochen vor Zuspitzung der Corona-Krise an China. Also machten wir das, was viele Einrichtungen in dieser Zeit machten, wir behalfen uns selbst, nähten Masken, freuten uns über die Spende von 50 Stoffmasken einer ansässigen Modedesignerin, und durchsuchten ansonsten die Weiten des Internets nach irgendwelchen Bezugsquellen für Atemschutzmasken der Kategorie FFP2, was letztendlich immer öfter auf Ebay hinauslief, wo immer zweifelhaftere Qualität zu immer noch höheren Preisen angeboten wurde. Mit anderen Worten: Wir waren alles andere als optimal vorbereitet. Und wenn man alles andere als optimal vorbereitet sein muss, man die Infektion von Mitarbeitern und Bewohnern nicht zu 100% ausschliessen kann, so fand ich, sollte man sich dennoch auf den Ernstfall vorbereiten, auch wenn er noch so unwahrscheinlich erschien. Und genau das taten wir.</p>
<p>Nicht nur in Deutschland &#8211; aber vor allem hier &#8211; hat sich in den letzten Jahren eine gewisse Naturbesoffenheit eingestellt, die mittlerweile immer irrationalere, um nicht zu schreiben: esoterischere Züge annimmt. So durfte man vor nicht allzu langer Zeit im <span style="text-decoration: underline;"><strong><a href="https://www.youtube.com/watch?v=6B1BLF9LpYY&amp;list=PLD2J53LRH04ZvFUutUoWgwOE1jDPfBsdf&amp;index=7&amp;t=0s">Öffentlichen Rundfunk einem seltsamen Trio</a></strong></span>, bestehend  aus einem Baumversteher, einem Tenorsänger und einer Gelegenheits-Darstellerin, dabei zusehen, wie diese durch eine Schwarzwälder Fichtenplantage stapfen, wobei der Baumversteher den anderen beiden Wanderern, die begierig an seinen Lippen hängen, mit geschäftiger Bescheidwisser-Attitude einige naturselige Plattheiten über seine „Kumpels“ die Bäume drückt, die seine zwei Gefährten mit grossen Augen begierig aufsaugen, bevor sich alle zum Lagerfeuer niederlassen, welches der Baumversteher zünftig mit Feuersteinen entzündet, um nach einem Mahl aus Kürbis, Avocados und Quinoa darüber zu sinnieren, dass die menschliche Faszination für Feuer genetisch bedingt sein müsse, weil ja auch die Hirnentwicklung irgendwie ans Feuer gebunden sei, da man durch das Kochen von Speisen schneller Kalorien aufnehmen könne, wodurch der Mensch dann mehr Zeit für andere Sachen habe, was die Vorfahren der Menschen schon so seit anderthalb Millionen Jahren gemacht hätten, weshalb die menschliche Faszination für das Feuer &#8220;hirn-genetisch fixiert“ sein könnte. Am nächsten Morgen, nachdem die kurzzeitig schnarchvertriebene Gelegenheits-Darstellerin wieder zu dem Herren-Duo gestossen ist, bricht man gemeinsam auf in einen „wunderschönen, naturnahen und heilenden Wald“, um sich irgendwann auf moosbewachsene Steine „hinzuschmeissen“, woraufhin dann der Tenor beglückt zugibt, sich schon zu seinen Studienzeiten im Baden-Badener Stadtwald einen Baum besonders ausgesucht zu haben, um für diesen zu singen und so eine Verbindung zu ihm, dem Baum, aufzubauen. Diese Gelegenheit lässt sich der Baumversteher natürlich nicht nehmen und fordert den Tenor grinsend auf, doch auch für die umstehenden Bäume hier zu singen, woraufhin dieser sich nicht langen bitten lässt und sodann allen Ernstes in Mitten der Fichtenplantage anfängt, Schuberts „Im Abendrot: O wie schön is deine Welt, Vater, wenn sie golden strahlet!“ zu intonieren. Es sind Trouvaillien wie diese, die, ausgestrahlt zur besten Sendezeit, beinahe schon grotesk verdeutlichen, dass die Liebe zur Natur nach einigen ökobewegten Jahrzehnten mittlerweile den Rang einer Ersatzreligion erobert hat. Die Natur ist immer nur vollkommen, heilsam, wunderschön, gesund, perfekt, weise undsoweiterundsofort. Mit einem Wort, Natur ist „gut“. Weshalb es ein gesellschaftliche Ideal geworden ist, wenn nicht sogar schon ein dringendes Gebot, möglichst „im Einklang mit der Natur“ zu leben. Demgegenüber ist im Umkehrschluss alles, was geeignet sein könnte, die freie, weise, gesunde, heilsame, vollkommene und gute Entfaltung der Natur im Mindesten zu behindern oder zu stören, selbstredend schlecht oder böse. Dass das so ist, hat „natürlich“ damit zu tun, dass der Mensch, also wir oder einige von uns, der Natur oder ihren Ausformungen menschliche Werte untergeschoben hat, denn die Natur ist per se erst einmal weder gut noch böse, sie ist Natur und sonst eigentlich nichts. Ein Etwas, das im Kern nach dem unbewussten Prinzip des „Try and Error“ funktioniert, dem es „herzlich egal“ ist, dass im Urwald das Recht des Stärkeren zählt, dass die Grossen die Kleinen fressen, dass ganze Städte durch einen Vulkanausbruch oder einen Tsunami innerhalb von wenigen Minuten von der Erdoberfläche getilgt werden können und dass Seuchen Millionen von Menschen immer mal wieder einfach so dahingerafft haben. Dass die Natur heute fast schon zu einem Götzen erhoben worden ist, der ehrfurchtsvoll in den Kathedralen der Biosupermärkte und Grünen-Parteitage angebetet wird, hat viel mit den Erfahrungen zu tun, die der Mensch sammelte, seitdem er noch Mammutsteaks am Lagerfeuer brutzelte, was im Übrigen aufgrund des Proteingehalts dieser Mahlzeit auch für seine &#8220;hirn-genetische&#8221; Entwicklung förderlicher war als Kürbis, Avocados und Quinoa. Erfahrungen, an die wir uns heute nicht nur erinnern, sondern auf die wir immer noch und immer wieder zurückgreifen, wenn die Natur eben nicht „gut“ zu uns ist, sondern uns ihre als grausam empfundene Seite zeigt, in Zeiten der Not durch von der unbewussten Natur heraufbeschworenen Gefahren, die uns bedrohen, die uns verletzten oder gar töten können. In diesen Zeiten, die früher viel häufiger waren als heute, bleibt dem Mensch seit Anbeginn seiner Zeit eigentlich immer nur Zweierlei, welches er zu seiner Rettung der gefährlich gewordenen Natur entgegensetzen kann und konnte. Und das eine ist seine Kunst und das andere seine Fähigkeit zur Solidarität.</p>
<p>Wobei „Kunst“ in diesem Sinne kein schönes Gemälde oder nette Skulptur meint, sondern das spezifisch Menschliche, das der Mensch der Natur abgerungen und zwischen sich und sie gelegt hat, um immer weniger von ihren „Launen“ abhängig zu sein, um nicht mehr als Jäger und Sammler von der Hand in den Mund zu leben, in langen Wintern verhungern oder erfrieren zu müssen oder anders ausgedrückt: Um seine Existenz planbarer und damit sicherer gestalten zu können. Seine Kunst fusst auf den Erfahrungen, die er gemacht hat, und auf den Techniken, die er ersonnen hat, und auf dem Wissen darüber, welches von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Und so bestand seine Kunst am Anfang aus einfachen Werkzeuge und Waffen, primitiven Jagdtechniken, dann aus Ackerbau und Viehzucht, Handwerk, später aus Arbeitsteilung, Mechanik, Dampfmaschinen, V8-Verbrennungsmotor, Elektronik aber auch Wissenschaft, Forschung und Bildende Kunst. Der Mensch entfernte sich so immer mehr von dem, was man heute im „Einklang mit der Natur zu leben“ nennt. Und er entfernte sich davon, eben weil er unabhängig werden wollte von diesem unbewussten Prozess des „Try and Error“, der ihm mal eine Gunst gewährte und ein ander Mal nach dem Leben trachtete. Und in dem Masse, wie der Mensch sich von der Natur entfernte, verlor sie auch an Schrecken für ihn, denn ganz im im Gegenteil, durch seine Kunst machte der Mensch die Natur bis zu einem gewissen Punkt immer beherrschbarer, und so erschien sie ihm jetzt immer weniger abweisend und gefährlich. In früheren Zeiten aber, als seine Kunst noch nicht so ausgeprägt war, der Mensch der Natur fast ohnmächtig ausgeliefert blieb, er von ihren Launen etwa in der Landwirtschaft existentiell abhängig war, hatte er oft nur ein einziges Mittel, ihr zu begegnen. Und das war sein Glauben, der eine „übernatürliche“ Instanz eröffnete, die sogar mächtiger war als die Natur selbst, und an die sich der ohnmächtige Mensch wenden konnte, mit der Bitte, die Natur in seinem Sinne zu besänftigen. Das Erntedankfest ist ein Überbleibsel aus dieser Zeit, ein uralter Ritus, der schon in vorchristlicher Zeit historisch belegt ist. Jetzt, da wir uns durch unsere Kunst immer mehr selbst helfen können, da wir selbst Macht über die Natur haben, benötigt der Mensch den Glauben als übernatürliche Instanz zur Gefahrenabwehr einer launischen Natur immer weniger, was auch dazu beitrug, die „guten“ oder die „schönen“ Seiten der Natur, die es ja fraglos immer auch gab, nicht nur überzubetonen, sondern ihr auch menschliche Werte zu unterstellen, sodass Natur für viele zu so einer Art modernen, pantheistischen und gütigen „Mutter Natur“ geworden ist, die oft nicht nur auf eine Stufe mit dem Glauben gestellt wird, sondern diesen für viele schon längst ersetzt. Dennoch tut der Mensch gut daran, an seinen Instrumenten der Gefahrenabwehr, an seiner Kunst gegen eine wüste Natur festzuhalten, weshalb er weiterhin Feuerwehren, Technisches Hilfswerk sowie beispielsweise Massnahmen zum Hochwasser- und- Küstenschutz unterhält. Man kann ja nie wissen…</p>
<p>Das neben seiner Kunst zweite gar nicht so spezifisch Menschliche, das Menschen auch heute noch wie seit Anbeginn ihrer Zeit einer feindlich gewordenen Natur entgegenwerfen, ist ihre Solidarität. Wobei man diesen Begriff auch beinahe synonym durch ältere Begriffe ersetzen könnte wie beispielsweise die der Nächstenliebe, der Brüderlichkeit oder auch der Kameradschaft. Alle vier schillern in unterschiedlichen Bedeutungsfarben, enthalten aber denselben begrifflichen Kern, das Einstehen der Mitglieder eines sozialen Verbandes füreinander und miteinander zur Abwehr einer äusseren Gefahr oder zur Beseitigung einer Notlage, wobei es fast einerlei ist, ob sie dies ausschliesslich für sich selbst tun oder sozusagen stellvertretend für Dritte, denn selbst dann, wenn man sich nur für Dritte in eine Solidarität einbringt, tut man dies in einem übergeordneten Sinne immer auch für sich selbst, da man ein existentielles Interesse daran haben muss, das Prinzip der Solidarität zu erhalten, eben weil man selbst irgendwann davon profitieren könnte. Ein Verhalten, das sehr grundsätzlich auch bei Tieren wie beispielsweise Menschenaffen, Wölfen, Delphinen, Walen und Rabenvögel beobachtet werden kann, und dem die schlichte Erkenntnis zugrunde liegt, dass man Herausforderungen gemeinsam bewältigen kann, denen man als Individuum fast schutzlos ausgeliefert wäre.</p>
<p>Sollte also der unwahrscheinliche Fall eintreten und wir würden in unserer Einrichtung mit einer wüsten Natur in Form eines gefährlichen Virus konfrontiert, wären wir gleichzeitig zurückgeworfen auf dieses uralte Prinzip der menschlichen Kunst im Verein ihrer Solidarität. Und was die Kunst anging, machte ich mir keine Sorgen, denn unsere Kunst ist die Pflege und unser Pflegedienst kann hervorragend arbeiten. Was mich aber zunehmend in Sorge versetzte, war die Frage der Solidarität. Und diese Sorge gründete sich nicht im Charakter unseres Pflegedienstes, dieser ist &#8211; um es mal so zu formulieren &#8211; äusserst robust, meine Sorge gründete sich im damaligen Agieren unserer Bundesregierung. Denn obwohl ein ausgewiesener Experte der SPD, welcher sogar an der Harvard School of Public Health der Harvard University ein Studium der Epidemiologe absolviert hatte, seit 2005 Mitglied des Deutschen Bundestages ist und dort, abgesehen von den vier Jahren der CDU/FDP-Koalition, die Gesundheitspolitik als SPD-Gesundheitsexperte massgeblich mitbestimmt hatte, so wie er sich derzeit penetrant durch alle Talkshows der Republik quakt, hatte die Bundesregierung &#8211; und somit auch er &#8211; ihre Kunst der Gefahrenabwehr gegen eine wüste Natur in Form eines gefährlichen Virus leider vernachlässigt. Und vielleicht auch weil wir in Sachen Schutzbekleidung zu Anfang der Corona-Krise völlig blank waren, vernachlässigte die Bundesregierung nach der Kunst des uralten Prinzips der menschlichen Kunst im Verein mit der Solidarität auch deren zweite Säule: Die Solidarität. Statt dieser wählte sie lieber die Furcht, eine Furcht, die jetzt aber ohne die Kunst bleiben musste, welche in dieser Situation die angemessenere Wahl gewesen wäre. Also suchte man einen Ersatz für die fehlenden Masken, deren Fehlen auf politisches Geheiss von Wissenschaftsfunktionären des RKI zunächst bagatellisiert wurde, um sodann von einem Virologen auch durch die Furcht ersetzt zu werden, dessen eigentlicher Behuf die Biologie dieser kleinen Viecher ist, welcher nun aber durch typisch deutsche Erlösersehnsucht in Nullkommanix zum Superuniversalgelehrten avancierte, weil er in sich gefühlt auch die Kompetenzen von Immunologie, Epidemiologie, Soziologie und Psychologie vereinte, um in der letztgenannten Super-Eigenschaft die nachdrückliche Terrorisierung der gesamten Bevölkerung zu empfehlen, damit ein jeder „so verängstigt sei, dass er es nicht mehr wage, den Knopf im Aufzug zu drücken“. Flankiert wurde diese „Strategie der jetzt doppelten Furcht“ durch ein Papier des Bundesinnenministeriums, welches angeblich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war, in dem aber ein Worst-Case-Szenario entworfen wurde, welches von 1,2 Millionen Corona-Toten in nur zwei Monaten ausging und ausserdem seinerseits empfahl, eine gewisse „Schockwirkung“ in der Gesellschaft zu erzeugen und dazu insbesondere die jungen Menschen medial unter Feuer zu nehmen, von denen man annahm, dass diese die Pandemie auf die leichte Schulter nehmen könnten, da sie aufgrund der bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnisse über Covid-19 davon ausgehen konnten, diese Krankheit wenig fürchten zu müssen. Maximale Verschreckung war jetzt angesagt, auch um von den Versäumnissen der Politik abzulenken, und Drostens Aufzugsknopf gab die Richtung vor, anstatt den Menschen Mut zuzusprechen und an ihre Solidarität zu appellieren, wollte man sie lieber in ihre Ställe treiben wie Vieh. Eine beispiellose Panikmache mit dem ausgewiesenen Ziel der Durchhysterisierung der Gesamtbevölkerung setzte ein, auf allen Kanälen, Programmen und Nachrichtenseiten. Ein Brennpunkt jagte die nächste Sondersendung und ein Podcast die nächste Talkshow, alles garniert mit den üblichen Experten der üblichen Universitäten und üblichen Instituten, die in den letzten Jahren und Jahrzehnten wie Pilze aus dem &#8220;wissenschaftlichen&#8221; Humus geschossen sind, und offenbar reichlich Pfründe zu verteilen haben, und neben den Klappspaten vom RKI allerlei „Wissenschaftliches“ zu verkünden hatten, das sich zwar innerhalb von Tagesfrist diametral widersprechen konnte, Widersprüche, die dann aber flugs als irgendwie doch „wissenschaftlich“ definiert wurden, weil „wissenschaftliche Erkenntnisse“ nunmal durch neuere „wissenschaftliche Erkenntnisse“ widerlegt werden könnten, auch wenn diese im Kern mal wieder nichts weiter waren als politisch erwünschte und leichtfertig ausgesprochene Vermutungen auf einem zunehmend anschwellenden Jahrmarkt der Eitelkeiten, was ein beredtes Zeugnis ablegt über einen Teil des deutschen Wissenschaftsbetriebs und ein ganz besonderes Licht wirft auf die „wissenschaftlichen“ Expertisen hinsichtlich anderer gesellschaftlich relevanter Fragen. Das Trommelfeuer des Horrors aus dem politisch-akademischen Komplex aber, sehr lustvoll von den meisten Medien unterstützt, erreichte schliesslich seinen Zweck, einmal auf den Knopf gedrückt, rauschte der drostsche Aufzug geradewegs in die Abgründe einer aufziehenden Apokalypse. Weite Teile der Bevölkerung ergaben sich in willfähriger stiller Panik, die sich schliesslich in Übersprungshandlungen wie dem Horten von Toilettenpapier entlud und ausserdem dazu führte, dass der politisch frei flottierende Teil der vornehmlich weiblichen Bienchenfreunde und Klimaretter &#8211; ein nahender Virus ist eben eine viel konkretere Gefahr als ein abstrakter zukünftiger Klimawandel &#8211; sich nach einer starken Schulter sehnte, was die Umfrageergebnisse der CDU und CSU für diese äussert erfreulich gestaltete und natürlich dazu beitrug, dass die Strategie der Furcht nochmals verstärkt und betont wurde. Beinahe schon dankbar wurden dann die unerträglichen Zustände auf französischen und vor allem italienischen Intensivstationen zum Anlass genommen, den Fokus der Krisenbewältigung wieder ein Stückchen weiter weg von der verpatzten Vorsorge hin auf die Intensivmedizin zu legen. Die deutsche Front im Kampf gegen das Virus verlief nun durch die Intensivbetten der Nation, da man dort doch so viel besser aufgestellt war als unsere europäischen Nachbarn. Ein paar Erfolgsmeldungen also in einem entfachten Strudel aus Furcht, einer Krisenbewältigungsstrategie, welche die Regierenden jetzt und in Anbetracht der im internationalen Vergleich niedrigen Fallzahlen als alles in Allem als gelungen bezeichnen.</p>
<p>Blöd nur, dass es für diese Strategie der nachhaltigen Verschreckung ausser einem noch fernen Impfstoff, von dem man heute noch nicht einmal weiss, ob er jemals wirksam sein kann, keinerlei Exit-Strategie gibt, sodass eine ganze Generation von Schülern und Studenten die für ihre Bewusstseinsbildung katastrophale Erfahrung machen muss, dass es mehr als okay ist, sich in die Büsche zu schlagen, sobald Ungemach droht.</p>
<p>Und blöd nur, dass der eilig und tapfer errichteten Intensivbettenfront einige Vorposten vorgelagert waren, die man ganz vergessen hatte, während man auf dem Weltmarkt die letzten verblieben Schutzausrüstungen für den Klinikbetrieb zusammenraffte. Aber auch Pflegekräfte der Pflegeeinrichtungen  sollen über Radio, Fernsehen und Internet verfügen und waren der Kaskade der Schreckensmeldungen seinerzeit, wonach das Virus auch aus den Lungen junger Menschen in kürzester Zeit Hackfleisch machen würde, schutzlos ausgeliefert. Und so war es dann nicht besonders verwunderlich die ersten Berichte über „Corona- oder Todesheime“ zu vernehmen, in denen sich komplette Pflegedienste verflüchtigt hatten und zuhause sassen, während der Betrieb nur noch durch den Einsatz der Bundeswehr oder des THW oder teurer Honorarkräfte notdürftig gewährleistet werden konnte, wenn er nicht sogar gänzlich in eilig leergeräumte Rehakliniken ausgelagert werden musste. Das sind keine sehr beruhigenden Nachrichten für den Geschäftsführer einer kleinen und vollkommen unbedeutenden Pflegeeinrichtung im Nordschwarzwald, dessen Pflegedienst überdurchschnittlich jung ist, und der alles andere als optimal auf dieses Virus vorbereitet war. Und wenn ich mir unter normalen Umstanden sehr sicher gewesen wäre, dass wir, dass unser Dienst dieser Herausforderung &#8211; so sie denn käme &#8211; gewachsen ist, konnte ich mir dessen unter diesen Umständen nicht mehr sein. Denn wir hatten keine normalen Umstände, wir hatten vielmehr ein politisch-&#8221;akademisch&#8221; initiiertes und medial ungeheuer verstärktes Klima der glimmenden Panik, das ungefähr zu gleichen Teilen aus Furcht und Paranoia bestand. Dennoch war die Versorgungssicherheit unserer Bewohner unter allen Umständen aufrechtzuerhalten, auch wenn ich und die Politik den Begriff „Versorgungssicherheit“ höchst unterschiedlich definierten, denn die Landesregierung definierte Versorgungssicherheit als das Bereitstellen von Ersatzversorgungsstrukturen wie externe Pflegekräfte aus irgendeinem Pflegepersonalpool oder leergeräumte Stationen in Rehakliniken oder eben Honorarkräfte. Und auch wenn die Bereitstellung dieser Ersatzversorgungsstrukuren seitens der Politik uns keinen Cent extra gekostet hätte, definierte ich Versorgungssicherheit demgegenüber als die unbedingte Aufrechterhaltung der Versorgung der Bewohner durch unseren eigenen Pflegedienst, eben weil dieser in einer solchen Krise das wertvollste Instrument im Kampf gegen das Virus sein würde, ganz einfach weil der eigene Pflegedienst in der Versorgung der eigenen Bewohner eingespielt, routiniert und durch nichts wirklich zu ersetzen ist, gerade weil er seine Bewohner bestens kennt.</p>
<p>Und so bestand unsere Vorbereitung konkret aus zweierlei, zum einen verstärkten wir uns personell, und hier vor allem durch junge Frauen, die sich bisher als sehr robust gegen das Virus erwiesen hatten, um etwaige Ausfälle im Pflegedienst besser kompensieren zu können, und zum anderen mussten wir, musste ich der regierungsamtlichen Panikverordnung, die insbesondere auf junge Menschen zielte, irgendetwas entgegensetzen. Und so setzte ich auf das Wort oder anders formuliert: Ich setzte darauf, den Mitarbeitern Mut zuzusprechen, ich setzte auf Ansprachen und ich appellierte an ihre Solidarität. Dabei gab es nur ein Problem, ich hasse sowas, ich hasse es, mich vor andere Menschen zu stellen und irgendwelche Ansprachen zu halten, so wie ich es hasse, wenn sich jemand vor mich stellt, um dann auch noch irgendeinen gefühligen Mist zu erzählen, der immer mehr an die Emotionen als an den Verstand appelliert. Und das hat vielleicht damit zu tun, dass ich oft den Eindruck habe, wenn mir mal wieder ein selbsternanntes Alphamännchen oder -weibchen einen gefühligen Mist erzählt, dass dieser gefühlige Mist nicht passt, er oft sehr aufgesetzt und unecht wirkt, vielleicht auch weil ihm in einer wohlstandsverwahrlosten Befindlichkeitsgesellschaft wie der unseren oft der echte Kontext mangelt und so nur das hohle und erfolglos bemühte Pathos übrig bleibt. In unserer konkreten Situation jedoch war das jetzt anders, denn es war etwas da draussen, das würde uns hart prüfen können, eine wüste und gefährlich gewordene Natur, auf die wir alles andere als optimal vorbereitet waren. Wir hatten somit einen äusserst konkreten Kontext. Und vielleicht war das auch der Grund, dass ich mich überwinden konnte und mich Sätze sagen hörte, die ich noch vor einiger Zeit nicht für möglich gehalten hätte.</p>
<p>Ich sagte, dass ich vor dem Virus keine Angst habe, aber sehr wohl davor, dass sie weglaufen und unsere Bewohner alleine lassen könnten. Ich sagte, dass in den Medien derzeit eine Panikmache ohnegleichen laufe, sie sich aber nicht verrückt machen und stattdessen lieber Germanys Topfmodel schauen sollten, das täte ich auch (was tatsächlich stimmte). Ich sagte, sie seien jung und hätten anders als unsere Bewohner, die dem Virus nur wenig bis nichts entgegenzusetzen hätten, nach allem was man wusste, nichts zu befürchten. Ich sagte, dass die Vor-Corona-Welt untergegangen sei und auch nie mehr zurückkehren werde, weshalb wir lernen müssten, mit und in dieser neuen Welt zu leben. Ich sagte, dass das Virus mittlerweile auf der ganzen Welt sei, man ihm vielleicht entkommen könne, wenn man in den tiefsten Amazonas reist oder auf die höchsten Himalaya-Gipfel steigt. Dass dort aber andere Lebensrisiken auf sie lauern würden wie giftiges Getier oder lebensfeindliche Temperaturen, weshalb wir verstehen müssten, dass Corona nichts anderes ist als ein weiteres normales Lebensrisiko unserer Zeit. Ich sagte, dass das Aufkommen dieser Krankheit auch deshalb zu einer Zäsur werden könnte, die im Gedächtnis der Menschheit haften bleibt, sodass vielleicht eines Tages jemand sie fragen wird, Mama, Papa, Opa, Oma, was hast Du gemacht in dieser Zeit? Und ich sagte ihnen, dass es dann besser ist, eine gute Antwort zu haben, denn eine schlechte Antwort auf diese Frage schleppt man ein Leben lang mit sich rum. Und ich sagte ihnen auch, dass wenn das Virus es ins Haus schafft, Bewohner sterben werden. Und es dann unsere Pflicht wäre, den Hinfälligsten unter ihnen den letzten Dienst zu erweisen und ihnen die Viecherei auf der Intensivstation zu ersparen, sodass sie bei uns sterben könnten, in ihrem letzten Zuhause.</p>
<p>Und ja, ich sagte auch, dass es dann Ausfälle geben würde im Pflegedienst, weshalb es notwendig werden könnte, infiziert hinter Maske auf Station zu arbeiten, solange man keine Symptome hat.</p>
<p>Und so hörte ich mich in diesen späten Märztagen und auch noch in den ersten Apriltagen viele Sätze sagen, von denen ich nie gedacht hätte, sie jemals sagen zu können, worüber ich mich heute wundere, und ich wundere mich heute nicht über diese Sätze, weil sie womöglich falsch gewesen waren oder es heute in der Rückschau geworden sein könnten, sondern ich wundere mich über diese Sätze, da sie in ihrer Eindringlichkeit den Eintritt in einen Gemütszustand zu markieren schienen, der denjenigen nur schwer zu beschreiben ist, welche nichts Ähnliches erlebt haben. Eine Aktivierung dieses spezifisch Menschlichen, das in uns schlummert, das ein Band webt in eine Gemeinschaft, welches uns in die Lage versetzen kann, die Angst vor einer Herausforderung nicht nur der Natur zu überwinden, um ihr in menschlicher Solidarität geschlossen und entschlossen entgegenzutreten. Ein Gemütszustand der inneren Alarmierung, der absoluten Fokussierung und der verschmelzenden Versenkung in ein Wir, der aus Dienst Pflicht werden lassen muss, aus Kollegialität Kameradschaft und aus Motivation Opferbereitschaft, um aus einer Gruppe von Individuen eine unbedingt solidarische Gemeinschaft zu formen, die nur ein &#8211; ihr ganz eigenes Ziel verfolgt.</p>
<p>Und während ich so redete und redete, kam das Virus unbemerkt immer näher und näher, bis eines Tages die beauftragte Ärztin des Gesundheitsamtes auf den bereits seit sieben Tagen erkalteten Spuren einer Kontaktperson bei uns erschien, um einen Stichprobe unserer Bewohner auf das Virus zu testen. Diese Stichprobe offenbarte drei Corona-positive Bewohner, was eine erweiterte Reihentestung erforderlich machte, die bei zwei weiteren Bewohnern positiv anschlug. Das Virus war gewissermassen hinter unsere Mauern getragen worden und damit nicht schlimm genug, auch noch vornehmlich direkt in das „Allerheiligste“, der Bereich, in dem wir unsere pflegebedürftigsten, hinfälligsten und fragilsten Bewohner pflegen und betreuen. Und weil der letzte Kontakt mit der Person, welche das Virus zu uns brachte, schon sieben Tage alt war, mussten wir zwingend davon ausgehen, dass das Virus bereits gestreut hatte und nach dem Ablauf der Inkubationszeit noch mehr Infizierte unter den Bewohnern zu erwarten waren. Nicht viel besser sah es bei den Mitarbeitern aus, eine erste Reihentestung unter ihnen offenbarte drei infizierte Mitglieder des Pflegedienstes. Auch hier war mit Ablauf der Inkubationszeit mit weiteren Infizierten zu rechnen, die sich in den Pausen oder auch bei privaten Kontakten angesteckt hatten. War der Schaden, den das Virus bereits angerichtet hatte, also noch vergleichsweise gering, „nur“ fünf Bewohner waren betroffen und der Pflegedienst war mit drei Betroffenen noch intakt und arbeitsfähig, sollte sich das aber mit Ablauf der nächsten Tage ändern, obwohl wir natürlich inständig auf ein kleines Wunder hofften, während wir die fünf infizierten Bewohner auf einer Quarantänestation isolierten und die Stationen II und III, von denen diese Bewohner stammten, in strikte Zimmerpflege nahmen. Statt eines Wunders erreichte mich eines frühen Morgens dann an Anruf von Oberschwester, ich war noch mit dem Hund im Wald unterwegs, um mir das Ergebnis der letzten Testreihe mitzuteilen: 21 weitere Bewohner waren infiziert, wobei sie das Wort „Einundzwanzig“ nicht wirklich sprach, sie schluchzte es. Und es war dieses Schluchzen, das mich bis ins Mark traf. Meine Knie wurden weich. Ich brauchte eine zähe Unendlichkeit, um wieder einigermassen klar denken zu können, während ich wie im Nebel mit dem Hund zu meinem Auto zurück stapfte. So viele infizierte Bewohner konnten wir unmöglich auf unserer isolierten Quarantänestation unterbringen, wir lösten diese also auf und gruppierten uns um. Auf Anraten des Gesundheitsamtes bildeten wir drei Stationen und Teams: Rot, Orange und Grün. Auf Rot kamen alle einwandfrei positiv getesteten Bewohner, auf Orange alle Bewohner, die negativ getestet worden waren, die aber näheren Kontakt zu den infizierten Bewohnern gehabt haben könnten, und sich deshalb womöglich noch in der Inkubationszeit befanden, und auf Grün schliesslich alle Bewohner, die keinen Kontakt zu den infizierten Bewohnern gehabt und sich sehr wahrscheinlich auch aufgrund unserer frühen Quasi-Quarantäne nicht infiziert hatten. Allen Stationen wurden feste Teams zugeordnet, wobei jedes Team von den anderen Teams separiert wurde, indem jedes Team ein eigenes Treppenhaus sowie separate  Pausen- und Umkleide zugewiesen bekam. Dies geschah in aller Hektik während eines Horrorwochenendes, an dem der Schwesternruf und das Telefon nicht aufhören wollten zu klingeln, vermummte Gestalten in Vollschutz über Station rannten, um Bewohner und deren Habseligkeiten ein Quarantänequartier in einem anderen Zimmer zuzuweisen, es dementen Bewohnern, die den Ernst der Lage natürlich nicht verstanden,  nur sehr schwer begreiflich gemacht werden konnte, dass sie ihre Zimmer nicht mehr verlassen durften, und gleichzeitig viele infizierte Bewohner Covid-19 Symptome und nicht wenige auch einen schweren Krankheitsverlauf entwickelten. Weiterhin prekär blieb die Versorgung mit Schutzausrüstungen, zwar wurden wir jetzt vom Gesundheitsamt priveligiert mit Schutzausrüstungen versorgt, nachdem sie die orangene und rote Station unter offizielle Quarantäne gestellt hatten. Priveligiert bedeutete allerdings nicht, dass wir im Überfluss schwelgten, vielmehr verfügte auch das reiche Baden-Württemberg nur über sehr wenig Schutzausrüstungen, die auch nicht immer guter Qualität waren. Natürlich waren wir dankbar für alles, was sie uns lieferten, aber sich in dieser zentralen Frage allein auf das Land zu verlassen, das offenbarte sich früh, wäre ein Fehler gewesen. Also rationierten wir zunächst das Wenige, was wir hatten, jeder Mitarbeiter bekam eine FFP-2 Maske für zwei Tage, die er mit seinem Namenskürzel zu versehen hatte, um sie nach Schichtende vorsichtig abzunehmen und sie bis zum nächsten Tag in einer personalisierten Nierenschale zwischenzulagern. Nach zwei Tagen wurden die gebrauchten Masken in eine Plastiktüte gesteckt und aufbewahrt. Sollte es mir nicht gelingen Nachschub aufzutreiben, wollte ich diese Masken in einem Vakuumtrockenofen desinfizieren, um sie erneut an die Mitarbeiter ausgeben zu können. Ein heikler Plan, der zeitweise ohne echte Alternative war, denn mittlerweile hatte das Virus auch Indien und die Vereinigten Staaten erreicht, was den Markt für Schutzausrüstungen vollends zusammenbrechen liess und nicht wenige westliche Regierungen dazu veranlasste, sich bei den Vorräten korrupter Entwicklungsländer zu bedienen, um sich die „Beute“  dann auch noch gegenseitig abzujagen. Ich musste also damit rechnen, dass wir auf längere Sicht auf die Hilfslieferungen des Landes angewiesen waren. Aber da hatten wir dann zum ersten Mal so etwas wie Glück in dieser Krise. Es erreichte uns durch eine eMail unserer Kurpfarrerin und durch einen Anruf eines unserer Hausmeister, beide hatten möglicherweise Quellen für den Bezug von Schutzausrüstungen aufgetan. Bei diesen handelte es sich allerdings nicht um normale Lieferanten, sondern eher um bisher branchenfremde Glücksritter, die sich irgendwie einen Vertriebsweg aus China heraus eröffnet hatten, was unseren Lieferanten als auch der Politik bisher nicht gelungen war. Wir bestellten zunächst kleinere Chargen, um die Qualität zu prüfen. Mittlerweile war ich zu so etwas wie einem Experten für Atemschutzmasken geworden. Die Qualität der gelieferten Masken war sehr gut, der Preis angemessen, aber nicht zu hoch. Diese Dinger wurden seinerzeit, Mitte April, zu Tagespreisen gehandelt, da sie beinahe zu so etwas wie eine inoffizielle neue Weltwährung geworden waren. Wir kauften bei unseren neuen Lieferanten zu Preisen von 2,10 bis 4,00 Euro pro Stück und zwar en gros, denn es war damit zu rechnen, dass auch diese Quellen nicht ewig sprudeln würden. Einer der Lieferanten lieferte nur noch per Spedition aus, der andere gar persönlich, allerdings im Kofferraum, auf den umgelegten Rücksitzen und dem Beifahrersitz eines alten VW Sharan. Keiner in diesem sehr speziellen Business vertraute in diesen Tagen mehr dem normalen Postwege, da nicht wenige dieser in vielen Kliniken und Pflegeeinrichtungen sehnlichst erwarteten Lieferungen einfach „verloren gingen“. Es war die Zeit, als grössere Lieferungen an Kliniken von der Polizei mit Blaulicht eskortiert wurden. Und es war die Zeit, als ich zunehmend nervös den Firmensitz eines der Lieferanten auf Google Maps per Streetview studierte, an den wir 80.000 Euro Vorkasse für Masken und Overalls überwiesen hatten. Aber beide Lieferanten hielten Wort und lieferten gute Qualität, und ich gab irgendwann an die Stationen durch, dass wir uns den „Luxus“ von einer Maske pro Mitarbeiter am Tag erlauben konnten, was mir eine grosse Erleichterung war. Wir mussten die Versorgung durch das Land nicht mehr in Anspruch nehmen und standen fortan bezüglich der Versorgung mit Schutzausrüstungen logistisch auf eigenen Füssen.</p>
<p>Während die Bewohnerschaft von einer Ärztin im Auftrag des Gesundheitsamtes an einem bestimmten Termin im Haus getestet wurde, mussten die Mitarbeiter für ihre zweiten Tests die zentralen Testcenter des Landkreises ansteuern. Dies vollzog sich gruppenweise und über eine ganze Arbeitswoche hinweg, was dazu führte, dass die Testergebnisse der Mitarbeiter tröpfchenweise von Tag zu Tag eintrafen und wir somit gezwungen waren, die Pflege der Bewohner laufend umzuorganisieren, da uns immer mehr Mitarbeiter aus dem Dienst wegzubrechen drohten. Und so zählten wir zunehmend konsterniert die nacheinander eintrudelnden positiven Bescheide unserer Mitarbeiter. Das Ergebnis war in der Summe niederschmetternd. Denn zu den ersten vier positiven Testergebnissen gesellten sich acht weitere im Pflegedienst. Eine anschliessende Reihentestung auf den Stationen Orange und Grün offenbarte auch noch vier weitere infizierte Bewohner auf der orangenen Station für die Kontaktpersonen. Und weil das alles noch nicht schlimm genug war, überbrachte die Corona-Ärztin des Gesundheitsamtes das letzte Testergebnis an einem Donnerstagmorgen daraufhin persönlich und liess es sich aufgrund des dabei vorgefundenen „Allgemeinzustandes“ unserer Oberschwester auch nicht nehmen, diese ärztlich zu untersuchen. Im Ergebnis klingelte bei mir das Telefon und unser Sozialdienst informierte mich darüber, dass Oberschwester, die ja eigentlich schon im Rentenalter ist, nicht nur positiv war, sondern auch noch fieberte und eine Lungenentzündung entwickelte, was sie aber nicht davon abhielt, sich lautstark mit der Ärztin zu streiten, da sie sich zunächst weigerte von Station zu gehen.</p>
<p>So also war unsere Situation am 24. April. Die gütige und wundervolle „Mutter Natur“ hatte uns einen fürchterlichen und wüsten Schlag versetzt. Wir beklagten insgesamt 30 Corona-positive Bewohner, 4 Bewohner waren bereits verstorben, die anderen schwebten in Lebensgefahr. 12 Mitarbeiter des Pflegedienstes waren ebenfalls infiziert, 3 weitere hatten die Nerven verloren und sich in den Krankenstand verflüchtigt. 4 Mitarbeiter des Therapeutischen Dienstes, den wir in den vergangenen Wochen zur Unterstützung des Pflegedienstes eingesetzt hatten, waren positiv.</p>
<p>Und dann  hatten wir auch noch unsere Pflegedienstleitung verloren.</p>
<p><em>* Alle Namen geändert</em></p>
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		<title>Ennui</title>
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		<pubDate>Fri, 17 Nov 2017 23:58:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Oliver Zajac</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Naja.
Also. Wie sollen ich das jetzt wieder sagen?
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Neulich hat der Chef ma wieder beschlossen, sein&#8217; Frieden zu machen. Weil das bringt ja nix, hatter gesacht, sich immer und immer wieder über den gleichen Scheiss aufzuregen. Also isser nach der Bundestagswahl ersma ne Woche lang mit som bescheuerten Grinsen durch die Gegend gelaufen, bisser dann Post [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Naja.</p>
<p>Also. Wie sollen ich das jetzt wieder sagen?</p>
<p>Äh&#8230;</p>
<p>Neulich hat der Chef ma wieder beschlossen, sein&#8217; Frieden zu machen. Weil das bringt ja nix, hatter gesacht, sich immer und immer wieder über den gleichen Scheiss aufzuregen. Also isser nach der Bundestagswahl ersma ne Woche lang mit som bescheuerten Grinsen durch die Gegend gelaufen, bisser dann Post bekommen hat vom SWR, also dem sogenannten Südwestrundfunk, also dem ehemaligen Zentralorgan der BW-CDU, der Banden-Württemberg-Partei, das in den Zeiten, als man schon beinahe nich mehr erkennen konnte, was im Ländle noch CDU und was schon Staat ist, die Wohltaten der Partei in die Welt hinausposaunte und ansonsten nur Volksmusikveranstaltungen, durch deren Programm ein als Frau verkleideter Mann führte, zermürbende Reportagen von der letzten Neckarflussfahrt und Kochsendungen mit Johann Lafer rundfunkte, um zumindest bei der Mehrheit der hiesigen Bevölkerung einen fast schon komatösen Geisteszustand zu erzeugen und auch zu erhalten, welcher der Partei die Wiederwahl für alle Zeiten sichern sollte, was immerhin bis 2011 auch ganz gut geklappt hat. Und da erinnerte sich der Chef, dasser im Frühjahr auf einer seiner gelegentlichen Wein-Expeditionen in der Pfalz auch durch einen Landkreis gefahren is, in dem schon Wahlplakate an den Laternen hingen, so dasser sich dachte, anscheinend findet die Bundestagswahl inner Pfalz wohln paar Monate früher statt, bisser er kapierte, dass die Pfälzer doch tatsächlich das Recht ham, ihrn Landrat direkt wählen zu dürfen, was den Bürgern in Baden-Württemberg durch die CDU immer verwehrt geblieben ist, weil auch durch die komatöse Wirkung des SWR die Landbevölkerung immer Kreistage gewählt hat, die durch die CDU dominiert wurden, und die dann &#8211; genau &#8211; immer einen Landrat installierten, der ihnen genehm war, was das Durchregieren der Partei von Stuttgart aus in die Provinz erheblich erleichterte und so Baden-Württemberg ein ziemlich zentralistisch geprägtes Ländle war, deren Landbevölkerung als Bittsteller an den langen Fäden aus Stuttgart zappelten. Und da war es der BW-CDU auch ziemlich egal, dass sie damit eine Art politische Zweiklassengesellschaft im Land etabliert hatte, da nämlich die Stadtbevölkerung ihren Oberbürgermeister, der die Rechte und Pflichten eines Dorfbürgermeisters als auch die Befugnisse eines Landrats so ziemlich in einem Amt vereint, immer schon direkt wählen durfte, was zumindest mit dem demokratischen Prinzip „Gleiches Recht für Alle“ nur sehr schwer bis gar nicht zu vereinbaren ist, was der Partei aber auch ziemlich egal war, denn eine freie und direkte Wahl des Landrates hätte immer das unkalkulierbare Risiko nach sich gezogen, dass vielleicht trotz CDU-dominierten Kreistages ein parteiloser Kandidat oder schlimmer noch, einer von den Sozen oder den Grünen von der Landbevölkerung gewählt worden wäre, der sich zudem noch bei der nächsten Wahl dem Urteil der Bürger und nicht nur dem der Partei hätte stellen müssen. Da wärs dann aber vorbei gewesen mit dem schicken Durchregieren und wer jetzt denkt, dass sich das mit dem Durchregieren und der indirekten Landratswahl geändert hat, seitdem die doch eigentlich so basisdemokratischen Grünen hier an die Macht gekommen sind &#8211; Pustekuchen &#8211; denn nach einem kurzen basisdemokratischen Zucken fanden die relativ schnell Gefallen an den von der CDU hinterlassenen Schalthebeln des Durchregierens, was zur Folge hatte, dass sich an dem zentralistischen Zappeln aber nullkommanix geändert hat und der SWR seitdem die Erfolge einer anderen Partei in die Welt hinausposaunt und ansonsten Volksmusiksendungen mit Männern in Frauenkleidern, zermürbende Reportagen von der letzten Neckarflussfahrt und Kochsendungen jetzt aber immerhin mit Vincent Klink rundfunkt.</p>
<p>Jedenfalls dachte sich der Chef, alsser den Brief vom SWR in den Händen hielt, dass da wohl bestimmt ne Interviewanfrage vom Fernsehen drinne ist, alldieweil er nämlich kurz vorher irgendwo gelesen hatte, dass beim Plasberg, also im Fernsehen, sich mal wieder sone Expertenrunde versammelt hätte, um über das zu diskutieren, was man gemeinhin den Pflegenotstand nennt, also dieses olle Phänomen, das mittlerweile so alt is, das es neben Bratwurst, Blasmusik und Bundesliga fast schon zur bundesdeutschen Folklore gehört und das alle paar Jahre hervorgekramt wird, um dann zum x-ten Mal in irgendeiner Talkshow von den üblichen Ahnungslosen durchgekaut zu werden. Und weil der Chef ausserdem gelesen hatte, dass der Plasberg sich tüchtig darüber aufgeregt hat, dass man sich schon seit Jahrzehnten über den Pflegenotstand aufregt und nix passiert, dachte er, vielleicht wollen sie’s diesmal wirklich wissen, statt immer nur die gleichen Phrasen zu dreschen. Und is ja klar, wenn einer dem Plasberg verklickern könnte, wie der Hase in der Pflege läuft, dann is das unser Chef, der Pflegeheimfuzzi! Also sah er sich im Geiste schon über die Mattscheiben der Nation flimmern und hörte sich kluge Dinge sagen wie:</p>
<p>Mein lieber Herr Plasberg, wissen sie, es ist doch so: Die Pflege steht leider zu sehr im politischen Fokus, weil wahlentscheidende Wählerschichten nunmal in das Alter gekommen sind, in dem sie sich mit ihrem persönlichen möglichen Schicksal im deutschen Pflegesystem befassten. Allerdings ist dieses Thema bei den meisten Menschen angstbesetzt, weil natürlich niemand pflege- und hilfsbedürftig sein will, ausserdem haben sehr viele Menschen keinen Schimmer, welche Pflege- und Betreuungsbedarfe sie zukünftig ausbilden werden und wie eine professionelle Einrichtung darauf reagieren sollte. Also wünschen sie sich eine Pflegeeinrichtung im besten Fall ungefähr so wie ein schickes Hotel, in welchem sie in einem Einzelzimmer logieren werden und wo ab und zu mal eine nette Schwester vorbeischwebt. Auf diese falschen Vorstellungen reagiert die Politik, indem sie Pflegeeinrichtungen gesetzlich wie Hotels mit zusätzlichem Pflegepersonal konzipiert. Das heisst, die Politik denkt die Pflege fast ausschliesslich von den Begriffen des Wohnens und der Pflege her. Dass das vollkommen bescheuert ist, da der ganz überwiegende Grund für eine Heimaufnahme heutzutage die Demenz ist, weiss die Politik auch, sie will aber Wahlen gewinnen. Also wurden und werden Pflegeeinrichtungen auf die grüne Wiese gesetzt, die aufgrund ihrer baulichen und personellen Konzeption für die bedarfsgerechte Pflege von Menschen mit Demenz gänzlich ungeeignet sind. Menschen mit Demenz, zumindest in den ersten beiden Stadien, benötigen nämlich neben somatischer Pflege auch und gerade eine fachgerechte psychosoziale Betreuung, die von entsprechend geschulten Fachkräften erbracht werden sollte, die keine Pflegekräfte sein müssen. Denn Pflegekräfte arbeiten nun einmal anders als Therapeuten und Betreuungskräfte. Sie haben gelernt, ziel- und ergebnisorientiert zu arbeiten, während Therapeuten in der Betreuung von Menschen mit Demenz prozessorientiert arbeiten müssen. Das sind zwei extrem unterschiedliche Anforderungsfelder, die nicht vermischt werden sollten. Allerdings benötigt die bedarfsgerechte Betreuung auch Flächen, wie zum Beispiel Gruppenräume. Da aber die Politik von den Heimbetreibern immer mehr Flächen im Hotelbereich für das reine Wohnen fordert, können die wirklich notwendigen therapeutischen Flächen, auf denen ja kein Bett steht und die somit keine Erträge generieren, nicht mehr errichtet werden, da diese schlicht und einfach zu teuer und damit unwirtschaftlich sind, zumal durch die ganzen Verordnungen und Auflagen, mit welchen nicht nur die Pflege durch die Politik bezüglich der Energieeinsparung, des Brandschutzes, des Arbeitsschutzes etc. etc. beglückt worden ist, sich der Bau von Pflegeheimen ohnehin exorbitant verteuert hat. Das macht es für „normale“ Pflegeheimbetreiber schwer bis unmöglich, eine sinnvolle Pflegeimmobilie zu finanzieren und ruft zudem <a href="http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.heimschliessung-in-ludwigsburg-alloheim-senioren-brauchen-dringend-plaetze.5158e885-7d8f-476c-86f1-4e0faf2ede3d.html" target="_blank"><strong><span style="text-decoration: underline;">US-Heuschrecken auf den Plan, die im grossen Stil in der Branche investieren, aber naturgemäss an guter Pflege wenig Interesse haben, sondern ausschliesslich renditenorientiert operieren und zwar maximalstmöglich &#8211; versteht sich</span></strong></a>. Also verfügen neue Heime über eine Menge gesetzlich geforderter Flächen im Hotelbereich, die am Bedarf vorbei und völlig sinnlos in die Gegend gepflanzt wurden, da sie therapeutisch nicht bespielbar sind, weil eine wirtschaftlich sinnvolle Gruppenraumgrösse nicht gegeben ist, selbst wenn der Träger bereit wäre, das therapeutische Personal auch zu finanzieren. Eine wirtschaftlich sinnvolle Gruppenraumgrösse bietet mindestens 15 Personen ausreichenden Platz, denn diese 15 Personen müssen durch mindestens zwei, besser drei therapeutisch geschulte Kräfte betreut werden, da die 15 Personen, die sie betreuen, Menschen mit Demenz als auch Harninkontinenz sind und deshalb öfter aufs Klo müssen und diesbezüglich Begleitung brauchen. Es müssen also genug Kräfte anwesend sein, um beides abzudecken, eine sinnvolle Betreuung als auch das Toilettentraining. Wenn die Gruppenräume zu klein sind, wie die gesetzlich geforderten Teeküchen, die kleinteilig im Hotelbereich verteilt sein müssen und vielleicht nur 8 Personen Raum bieten, brauche ich doppelt so viel Personal &#8211; und <em>das</em>, lieber Herr Plasberg, will seltsamerweise niemand zahlen. Es ist in diesem Zusammenhang auch wenig hilfreich, immer auf den Personalzahlen in der Nachtwache herumzureiten, da es zuvörderst darauf ankommt, wer da in den Betten liegt, Menschen mit Demenz, die konsequent an 365 Tagen im Jahr durch therapeutische Kräfte tagsüber auch müde gearbeitet werden und deshalb nach einem erfüllten Tag des Nachts in der Regel gut schlafen oder Menschen mit Demenz, die tagsüber grösstenteils sich selbst überlassen werden, deren Tag-Nacht-Rhythmus nicht selten gestört ist und die die Pflegekräfte des Nachts in den Wahnsinn treiben, da sie in Rudeln über Station tappen und die Nachtwachen am besten überall zugleich sein müssen. Solche Stationen schaffen dann ein Arbeitsumfeld, das die Pflegekräfte frustriert und überfordert und das somit wenig zur Attraktivität des Pflegeberufes beiträgt und deshalb mitverantwortlich für das ist, was man gemeinhin „Pflegenotstand“ nennt, wenn es ihn denn überhaupt in diesem Ausmasse gibt, denn für nicht wenige Pflegekonzerne war und ist der „Pflegenotstand“ immer schon ein willkommenes Alibi gewesen, um Personalkosten einzusparen, womit wir jetzt aber auch bei den Kliniken wären. Kurzum, wenn man die Frage, lieber Herr Plasberg,: „Warum gibt es den Pflegenotstand?“ mit nur einem Satz beantworten wollte, müsste man sagen: „Weil es politisch gewollt ist, dass es ihn gibt.“</p>
<p>Und da freute sich der Chef dann über den, wie er fand, überaus gelungenen Start seiner Fernsehkarriere, lächelte selig, öffnete den Brief, um mal zu gucken, wann der Termin für sein Interview is, als ihm auf einmal die Gesichtszüge entgleisten, denn in dem Brief drinne war natürlich keine Einladung zum Interview beim Plasberg, sondern im Brief drinne war ne ziemlich rüde Aufforderung, dem SWR innerhalb ner ziemlich kurzen Frist zackizacki offenzulegen, wie viel Mitarbeiter der Chef beschäftigt und wie viel Autos er aufs Geschäft angemeldet hat, damit der SWR ausrechnen kann, wie viel Gebühren er für seine Mitarbeiter, also für uns, an den Staatsfunk blechen muss. Und das kann der Chef normalerweise gar nicht leiden, da hat der sich schon vor Jahren heftig drüber aufgeregt, kann mich noch erinnern, dasser damals sagte, er könne es noch einigermassen nachvollziehen, für seine Flimmerkiste zuhause ne Gebühr an den Staatsfunk zu zahlen, obwohl er nur einen Bruchteil des Angebots nutzt, wasser er aber überhaupt nicht verstehen könne, ist, dasser er eine Gebühr für seine Mitarbeiter zahlen soll, allein für die blosse Möglichkeit, dass sie während der Arbeitszeit Leistungen des Staatsfunks in Anspruch nehmen könnten, was sie aber gar nicht tun. Und das mit der blödsinnig sophistischen Begründung, er als Arbeitgeber müsse ein solidarisches Interesse daran haben, dass es einen unabhängigen Staatsfunk gibt, der frei von wirtschaftlichen und politischen Interessen einem gesellschaftlichen Bildungsauftrag nachkommt. Mit der gleichen Begründung könne er, so hatter damals gesagt, auch allen anderen Arbeitgebern im Ort eine Rechnung schicken, weil ihre Mitarbeiter irgendwann einmal die Dienstleistungen unserer Pflegeeinrichtung in Anspruch nehmen könnten, weshalb die Arbeitgeber ein solidarisches Interesse daran haben müssten, dass es eine unabhängige Pflegeeinrichtung vor Ort gibt und zwar frei von wirtschaftlichen und politischen Interessen, versteht sich. Ein Staatsfunk aber sei nunmal keine Sozialversicherung, ebenso wenig wie eine Pflegeeinrichtung, sondern ein reiner Dienstleister. Und ein Dienstleister stellt seine Rechnungen erst dann, wenn &#8211; wie der Name schon sagt &#8211; der Dienst geleistet oder in Anspruch genommen worden ist. So hat der Chef das noch vor Jahren gesagt, jetzt aber, wahrscheinlich weil er mal wieder seinen Frieden machen will, klang er irgendwie versöhnlicher. Naja, sagte er, vielleicht habe er sich geirrt, vielleicht isses doch wichtig, dasses einen unabhängigen Staatsfunk gibt, der alle Bürger frei von eigenen politischen Interessen bildet und aufklärt, sodass gebildete, aufgeklärte und somit mündige Bürger sich ein differenziertes Bild darüber machen können, was tatsächlich im Lande los ist. Und deshalb sei es doch gut, dass es eine Sozialversicherung gegen die allgemeine Verdoofung gibt. Und dann seufzte der Chef, lächelte wieder selig und schaltete den Fernseher ein, denn es war Zeit für die Tagesschau. Also, ich weiss ja nicht, aber ich denke, wenn so Typen wie unser Chef ihren Frieden machen wollen, isses eigentlich besser, sie schalten die Tagesschau in diesen Zeiten eher nicht ein, nee, und auch nicht „heute“. Naja, und so kam es dann, wies wohl kommen musste, denn inner <a href="https://www.tagesschau.de/multimedia/sendung/ts-22523.html" target="_blank"><strong><span style="text-decoration: underline;">Tagesschau vom 01. November</span></strong></a> staatsrundfunkten sie diesmal auch darüber, dass die Kosten für Asyl deutlich gestiegen sind. Die Ansage machte zunächst Jens Riewa. Er sagte:</p>
<p>„Die Zahl der Asylbewerber, die staatliche Unterstützung erhalten, ist 2016 gesunken. Die Ausgaben aber sind deutlich gestiegen. Insgesamt 9,2 Milliarden Euro hätten Bund, Länder und Gemeinden insgesamt aufgebracht, so das Statistische Bundesamt.“</p>
<p>Tja, ich weiss ja nicht, wies anderen geht, aber in letzter Zeit issen bisschen was durcheinander gekommen, was so die Begrifflichkeiten angeht. Erst hiesses Asylant, dann auf einmal Asylbewerber, später Flüchtling, Schutzsuchender oder Schutzbefohlener. Und ich behaupte mal, dass nicht nur ich diese Wörter synonym verwende, weil ich wie die allermeisten Menschen auch noch was anderes zu tun habe, als mich jederzeit über den derzeit angesagten politisch korrekten Begriff für die Menschen zu informieren, die zu uns geflüchtet sind. Und wie ich den Chef kenne, sieht der das genauso, deshalb schaute der auch auf einmal so kritisch, als nach Riewas Ansage der Bericht in der Tagesschau anfing und eine Frauenstimme aus dem „Off“ verlautbarte:</p>
<p>„Es ist ein Rekordwert, so viel wie 2016 wurde bundesweit nach dem Asylbewerberleistungsgesetz noch nie ausgegeben, das heisst für die Flüchtlinge, über deren Asylantrag noch nicht entschieden wurde.“</p>
<p>Und dieser Satz rauscht dann so an einen vorbei, weil die allermeisten Menschen, die wie ich die verschiedenen Bergrifflichkeiten mit denen man Menschen auf der Flucht zu bezeichnen hat, nicht recht überschauen, so wie se auch sehr oft nicht wissen, dasses ein Asylbewerberleistungsgesetz gibt und was dieses regelt, da nunmal nicht jeder von uns im BAMF oder im örtlichen Ausländeramt arbeitet. Erst wenn ma sich nen Kopf macht und die Ansage und Eingangssequenz öfters anschaut, kann man, so wie ich, kapieren, was gemeint ist. Offensichtlich is „Asylbewerber“ aus Riewas Ansage in diesem Zusammenhang keine umgangssprachliche Bezeichnung für Menschen, die in Deutschland Zuflucht suchen, sondern vielmehr ein „juristischer Begriff“, der angewendet wird für Menschen, die im Sinne des Asylbewerberleistungsgesetzes Leistungen beantragen und empfangen dürfen, also Anspruchsberechtigte nach dem Asylbewerberleistungsgesetz, oder im ARD-Sprech: Menschen über deren Asylantrag noch nicht entschieden wurde. Das bedeutet im Umkehrschluss aber auch, dasses Menschen gibt, über deren Asylantrag schon entschieden worden ist. Von denen is aber im ganzen Bericht nicht die Rede. Und das wiederum wirft ein anderes Licht auf das doppelte „insgesamt“ aus Riewas dritten Satz:</p>
<p>&#8220;Insgesamt 9,2 Milliarden Euro hätten Bund, Länder und Gemeinden insgesamt aufgebracht, so das Statistische Bundesamt.“</p>
<p>Die 9,2 Milliarden Euro sind also nicht die insgesamt insgesamt Kosten, die von Bund, Ländern und Gemeinden für alle alle Asylbewerber aufgebracht wurden, sondern nur für einen Bruchteil von ihnen. Aha! Und zwar, wenn man dem Bericht glauben schenkt, für 728.239 Menschen im Jahr 2016, wobei die Frauenstimme darauf hinweist, dass die Ausgaben so hoch seien, weil Leistungen aus 2015 erst 2016 verbucht werden konnten. Auch taucht jetzt auf einmal der Begriff „Nettoausgaben“ auf. Dieser Begriff legt nahe, dass die 9,2 Milliarden lediglich die ausgezahlten Leistungen erfassen, Verwaltungskosten und andere Kosten aber nicht berücksichtigen. Im weiteren Fortgang des Berichts offenbart die Frauenstimme dann aber weitere Gründe für den Kostenansieg:</p>
<p>„Ausserdem seien gestiegene Mietkosten und hohe Fixkosten für unterbelegte und leerstehende Unterkünfte weitere Gründe.“</p>
<p>Und das is jetzt echt mal wieder seltsam, denn gerade hatte ich gelernt, dass nicht alle Asylberwerber gemeint sind, sondern nur die Leistungsempfänger nach dem Asylbewerberleistungsgesetz, die Nettoleistungen von 9,2 Milliarden Euro abgerufen ham. Aber auf einmal sind in den 9,2 Milliarden auch Mieten für Immobilien und hohe Fixkosten für Unterkünfte enthalten. Das sind aber eigentlich Kosten, die von Bund, Ländern und Gemeinden zu tragen sind, und die zählen nach <a href="https://www.gesetze-im-internet.de/asylblg/BJNR107410993.html" target="_blank"><strong><span style="text-decoration: underline;">§ 1 des Asylbewerberleistungsgesetzes</span></strong></a> nicht zu den berechtigten Leistungsempfängern dieses Gesetzes, allein schon, weil Bund, Länder und Gemeinden schlecht bei sich selbst Asyl beantragen können. Nach den ersten kleineren Ungereimtheiten nähert sich die Tagesschaumeldung also ziemlich schnell dem absoluten Schwachsinn an, zumal auch die Behauptung der Frauenstimme:</p>
<p>„Es ist ein Rekordwert, so viel wie 2016 wurde bundesweit nach dem Asylbewerberleistungsgesetz noch nie ausgegeben, das heisst für die Flüchtlinge, über deren Asylantrag noch nicht entschieden wurde.“</p>
<p>nicht den Tatsachen entspricht, da dem Asylbewerberleistungsgesetz nach § 1 zu entnehmen ist:</p>
<p>„Leistungsberechtigt nach diesem Gesetz sind Ausländer, die sich tatsächlich im Bundesgebiet aufhalten und die (…) eine Duldung nach § 60a des Aufenthaltsgesetzes besitzen (oder) die vollziehbar ausreisepflichtig, auch wenn eine Abschiebungsandrohung noch nicht oder nicht mehr vollziehbar ist“,</p>
<p>mithin sind also auch Personen leistungsberechtigt, deren Asylantrag schon negativ entschieden worden ist, bei denen aber die Abschiebung ausgesetzt wurde oder die zwar ausreisepflichtig sind, aber aus irgendwelchen Gründen, weil sie den Pass verloren haben, noch keine Ersatzpapiere erhielten, ein ärztliches Attest vorlegen etc, von unserem Staat nicht abgeschoben werden können. Und das sind gar nicht mal so wenige, derzeit sind <a href="http://www.spiegel.de/politik/deutschland/zuwanderung-und-kriminalitaet-pass-verlegt-aufenthalt-garantiert-a-1177180.html" target="_blank"><strong><span style="text-decoration: underline;">220.000 Menschen eigentlich ausreisepflichtig, von denen wiederum 160.000 eine Duldung besitzen.</span></strong></a></p>
<p>Was bezweckt also die Tagesschau, dieses Flaggschiff des Öffentlich Rechtlichen Rundfunks, mit dieser verquasten Meldung?, die angeblich auf einer Berechnung des Bundesamtes für Statistik beruhen soll, was aber nicht unabhängig nachgeprüft werden kann, da dieser Bericht vom Bundesamt nicht veröffentlicht worden ist und nur „exklusiv“ der BILD-Zeitung vorliegen soll, die daraus berichtete, womit die journalistische Grosstat der Tagesschau letztendlich auf einer Meldung der BILD-Zeitung basiert. Ich meine, so viel Unvermögen kann man wohl kaum unterstellen. Wollte man also die soziale Wucht der hohen Kosten, über die BILD berichtete, abfedern, indem man eine Relativierung unter das Volk schlawinert?, die in etwa lautet: &#8220;Okaaaaay, die Kosten sind zwar hoch, aber erstens, sind da sozusagen Sonderposten miteinberechnet und zweitens, seht ihr ja, dass die Zahl der Asylbewerber sinkt.&#8221; Dazu passt jedenfalls der „positive“ Ausblick, mit dem der Bericht endet:</p>
<p>„Einige Experten rechnen damit, dass die Ausgaben in diesem Jahr wieder zurückgehen.&#8221;</p>
<p>Was aber leider leider so insgesamt insgesamt auch nicht ganz richtig richtig ist, denn die Ausgaben nach dem Asylbewerberleistungsgesetz werden zwar sinken, aber nur weil die Asylbewerber, über deren Antrag positiv entschieden worden ist, ab ihrer Anerkennung in die Sozialhilfe (Hartz 4) abwandern, insofern sie keinen Job finden, was den allermeisten, wie übrigens ein <a href="http://www.reformpflege.de/2016/06/des-wahnsinns-fette-beute/" target="_blank"><span style="text-decoration: underline;"><strong>vollkommen unbedeutendes Blog</strong></span></a> bereits im Juni 2016 prophezeite, nicht gelungen ist und so schnell auch nicht gelingen wird, <a href="https://www.welt.de/wirtschaft/article170009687/Fluechtlinge-machen-ueber-14-Prozent-der-Hartz-IV-Empfaenger-aus.html" target="_blank"><strong><span style="text-decoration: underline;">weshalb im Mai 2017 bereits 870.000 Flüchtlinge und deren Familiennachzügler als Leistungsempfänger von Hartz-4-Leistungen registriert waren</span></strong></a>. Tendenz stark steigend, zumal der Familiennachzug nur für die Flüchtlinge ausgesetzt ist, die ihre Aufenthaltsgenehmigung erst nach dem 17.03.2016 erhielten. Der Familiennachzug der Menschen, die ihre Genehmigung vor diesem Termin bekamen, ist sofort in der Sozialhilfe leistungsberechtigt. Es ist also nur das klassische Prinzip rechte Tasche, linke Tasche und keine echte Reduzierung der Kosten, sondern eher das Gegenteil, da die Leistungen nach Hartz4 höher sind als die Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz. (Was einige Schreiberlinge in der jüngsten Vergangenheit gerne zum Anlass nahmen, ihren Lesern vorzurechnen, dass Asylbewerber weniger vom Staat erhalten als deutsche Hartzer. Stimmt ja auch, aber eben nur bis zur Anerkennung)</p>
<p>Naja, der Chef war jedenfalls ziemlich bedient von dem Genuss des qualitätsjournalistischen Produkts der Sozialversicherung gegen die allgemeine Verdoofung, er zappte sich entnervt durch die Programme und blieb bei dem Bild einer bunten Gesellschaft hängen, die jetzt schon seit Tagen von einem Balkon herab winkte.</p>
<p>Schau mal, die parlamentarische Gesellschaft, sagte der Chef.</p>
<p>Von der repräservativen Demokratie, sagte ich.</p>
<p>Achgottchen, sagte der Chef.</p>
<p>Der Sprecher erzählte irgendwas von schwierigen Sondierungsgesprächen. Dann wurde einer der Sondierer der FDP interviewt, der sich über die hypermoralischen Standpunkte der Grünen auskotzte. Da sagte der Chef:</p>
<p>In der Verfassung könnten wahrscheinlich noch nicht mal die Sozen mit den Grünen koalieren. Gerade nochmal von der Schippe gesprungen, weil rechtzeitig vor der Wahl ein paar Hurricans die Karibik durchschüttelten, was dann im vorauseilenden Gehorsam in den üblichen Labershows des Staatsrundfunks breit getreten wurde, nach dem Motto: ohgottohgottohgottderklimawandelkanndasauchbeiunspassieren? Bessere Wahlwerbung gibts für die gar nicht, selbst wenn prominente Wetterexperten dagegengehalten haben, was aber nicht verhinderte, dass ein paar Mimosen, die das Wasser nicht mehr halten konnten, die Wahllokale stürmten und den Grünen doch tatsächlich ein Plus von 0,5 Prozent bescherten, worüber die vor Glück beinahe heulten. Jetzt sindse wieder obenauf. Kretschmann hat sich ja schon einen E-Dienstwagen bestellt. Ist jetzt bald sein neues gescheids Auto.</p>
<p>Und wieso sollen die nicht mit der SPD koalieren können?</p>
<p>Wenn die SPD ihr Gefasel von „Mehr soziale Gerechtigkeit!“ ernst meint, würde es schwierig. Denn wenn du dir das Wahlprogramm der Grünen durchliest, dann ist das im Kern nichts anderes als ein elitäres Prekarisierungs-Programm.</p>
<p>Ein Prekarisierungs-Programm?</p>
<p>Energiewende. Verbot von Glyphosat, Abschaffung der Massentierhaltung. Unbegrenzter Familiennachzug für die Flüchtlinge.</p>
<p>Schöne neue Welt!</p>
<p>Ja, schöne neue Welt. Es wird aber jemand die Kosten dafür zahlen müssen, wenn es so weit kommt, und die Unterschicht wird es neben der unteren Mittelschicht am härtesten treffen. Schon jetzt können <a href="http://www.zeit.de/wirtschaft/2017-10/bundesnetzagentur-stromanschluesse-abgestellt-unbezahlte-rechnungen" target="_blank"><span style="text-decoration: underline;"><strong>330.000 Haushalte im Land ihre Stromrechnung nicht mehr zahlen</strong></span></a> und die Energiewende wird die Preise weiter treiben. Das Verbot von Glyphosat lässt die Erträge der Landwirtschaft sinken bei gleichzeitig erhöhtem Arbeitsaufwand, das verteuert das Brot. Gleiches gilt für die Abschaffung der Massentierhaltung, glücklichere Tierchen liefern eben teurere Schnitzel. Und der unbegrenzte Familiennachzug lässt gerade in den Elendsquartieren der sozial Schwachen die Mieten steigen, <a href="https://www.berliner-zeitung.de/berlin/hartz-iv-der-staat-muss-nicht-jede-miete-komplett-uebernehmen-28847414" target="_blank"><strong><span style="text-decoration: underline;">schon jetzt weigern sich Sozialämter der Großstädte die gestiegenen Mieten von Hartzern zu finanzieren</span></strong></a>. Ganz zu schweigen von den <a href="http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.schlechte-noten-fuer-grundschulen-am-rande-der-verzweiflung.0fa33901-9d02-4abe-b738-095a00152010.html" target="_blank"><strong><span style="text-decoration: underline;">Schulen in diesen Vierteln, die oft hoffnungslos überfordert sind von dem hohen Anteil an Schülern mit Migrationshintergrund</span></strong></a>, der dann ebenfalls noch steigen wird. Regelmässig bekommt Deutschland von internationalen Institutionen attestiert, dass es bei uns mit der Chancengerechtigkeit nicht weit her ist, wenn die Grünen aber ihr Ding durchziehen, wird sozialer Aufstieg durch Bildung gänzlich verunmöglicht, da sich die unteren Schichten kaum teure Privatschulen werden leisten können. Man kann ja all diese Dinge machen, gibt für jede einzelne Massnahme gute Gründe, aber in der Summe ist das der mächtigste Arschtritt, den eine Partei in der Bundesrepublik jemals der Unterschicht verpassen wollte. Dagegen ist selbst die FDP die reinste Heilsarmee. Deshalb verstehe ich auch nicht, warum die sich selbst als „links“ einstufen, denn eigentlich sind die „umgestülpt rechts“ und alles andere als antiautoritär.</p>
<p>Umgestülpt rechts?</p>
<p>Ja, denn da wo die Rechten das „Eigene“ überhöhen und das Fremde verachten, überhöhen die Grünen das Fremde und verachten im Grunde das „Eigene“. Sie stülpen das „rechts&#8221; der Rechten gewissermassen von innen nach aussen. „Links-Sein“ verstehen sie nicht im klassenkämpferischen Sinne als einen Auftrag, den Gegensatz zwischen Arm und Reich, zwischen den sozialen Klassen innerhalb unserer Gesellschaft zu überwinden, sondern vielmehr als eine Mission, um für sich und ihresgleichen eine schöne neue Welt zu schaffen, die für sie selbst moralisch erträglich ist, und zwar nicht im nationalen sondern im internationalen Sinne. Die sind nämlich „progressiv“, verstehste?, das ist auch wieder so ein umgestülptes „reaktionär“. Der wahrhaft Grüne rettet den Indio-Bauern ebenso wie den Südsee-Insulaner, das deutsche Prekariat aber, welches sozusagen die sozialen Konstruktionskosten für die schöne neue Welt zu zahlen hat, ist ihm dagegen nicht nur relativ bumms, er verachtet es geradezu, weil das Prekariat oder die Unterschicht mit ihrer Lebensart eben für all das steht, was der wahrhaft Grüne hassen muss, weil es genau das ist, was durch die neue schöne Welt abgelöst werden soll. Es ist die alte Welt der RTL II-schauenden Raucher, die sich beim Discounter für 1 Euro 400 Gramm abgepacktes Hackfleisch aus der Frischtheke klauben, um es danach in Plastiktüten nach Hause zu schleppen. Die alte Welt der BILD-Zeitungslesenden Alkoholiker, die sich in 10 EuroLäden mit den Ausbeutungsprodukten aus Asien einkleiden und deren letzte und einzige Hoffnung der samstägliche Lottoschein ist. Die alte Welt der grossmäuligen Vorstadt-Machos, die emanzipative Bestrebungen aller Art schon immer für stark überschätzte Ideen gehalten haben und die am Wochenende nur so zum Spass mit ihren aufgemotzten Kisten durch die Innenstädte kacheln. Und die alte Welt der alleinerziehenden Mütter, die sich mit mehreren mies bezahlten Jobs über Wasser halten und so gar keinen Sinn für Multi-Kulti-Romantik haben, da ihre Kinder oft die einzigen Schüler ohne Migrationshintergrund in der Grundschulklasse sind. Es ist die alte Welt dieser Unvermögenden und Unbelehrbaren, die damals nicht klatschend am Bahnhof standen, da sie wohl schon ahnten, an wen die Kosten für diese neue gesellschaftliche Errungenschaft bald weitergereicht werden würde. Es ist diese Welt, die von einer vergrünten SPD nicht nur längst aufgegeben, sondern auch verraten worden ist. Und es ist diese alte Welt, die in den Augen der neuen Spiesser-Elite jetzt endlich weg muss, da sie ihnen unerträglich und ekelerregend ist.</p>
<p>Dieser Kampf der neuen Welt gegen die alte, hat schon vor Jahren begonnen, da die Abkömmlinge der alten urbanen Eliten mit dem üblichen Zuzug der Erlebnishungrigen vom Land und aus den Kleinstädten zu einer selbsternannten &#8220;Urban Bohème&#8221; fusionierten, deren „politischer Arm“ die Grünen wurden und die sich nach und nach der großstädtischen Viertel der kleinen Leute bemächtigte, um dort die neue Welt bereits im Kleinen zu etablieren, die sich zwar durch den immer gleichen kleingeistigen Stumpfsinn auszeichnet, deren Eintrittspreis aber durch die Unterschicht bald nicht mehr bezahlt werden konnte und die deshalb immer mehr in die Aussenbezirke der Stadt verdrängt wurde. Dass die Entwurzelung dieser Menschen durch das Kapital krassester Klassenkampf von oben nach unten war, beeinträchtigte das pseudolinke Selbstverständnis &#8211; so what? &#8211; vordergründig eher wenig bis gar nicht, denn schliesslich fordert der gesellschaftliche Fortschritt, als dessen Speerspitze man sich empfand und empfindet, immer seine Opfer. Das war doch schon immer so, hörten sie sich sagen, fühlten aber dennoch dumpf einen Widerspruch zwischen dem eigenen Tun und dem hehren moralischen Anspruch, eine verbrämt gefühlte Schuld, ein Gefühl, das von dieser neuen Elite jedoch auf eine höhere Ebene transzendiert wurde, wo es symbolisch durch die Gründung von LaLaLand endgültig und ein für allemal besänftigt werden sollte. LaLaLand, dieser Sehnsuchtsort einer pseudolinken Elite, in dem alle sich lieb haben, wo alle so total kreativ und gleichzeitig so politisch korrekt sind und man sich einig ist, im Kampf gegen alle nur möglichen Übel der alten Welt. LaLaLand als die neue alte linke Utopie der internationalen Solidarität, die mit Ausnahme der eigenen Unterschicht alle Menschen zu Brüdern werden lässt, und so gleichzeitig von einer diffus gefühlten Schuld befreit, sei sie vermeintlich von den Nazi-Vorfahren ererbt oder in den eigentlich unauflösbaren Verstrickungen der Widersprüche des eigenen Seins und Tuns begründet.</p>
<p>Und dann ist das ja auch noch so schön praktisch, wenn der persönliche Schuldenerlass durch die Allgemeinheit finanziert werden muss und man die Unterschicht mit sämtlichen sozialen Folgekosten alleine lässt, die an den Rändern der Stadt mit den Flüchtlingen um den wenigen günstigen Wohnraum rangelt und der man am liebsten auch noch den Familiennachzug unbegrenzt aufs Auge drücken würde, während man es sich in deren einstigen Refugien nun aber besten Gewissens so richtig schön gemütlich macht.</p>
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		<title>Freiheit für Uli Hoeneß! &#8211; Teil 3 1/2</title>
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		<pubDate>Tue, 31 Mar 2015 19:43:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Oliver Zajac</dc:creator>
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		<description><![CDATA[James Brown war schon fertig. Auch die andere 70er Jahre Funk-Nummer danach. Momentan schepperte Bob Marleys &#8220;Could You Be Loved&#8221; vom Band der Telefonwarteschleife. Irgendwo habe ich irgendwann mal gelesen, und daran erinnerte ich mich jetzt, dass irgendsoein Fanboy zwanzig Minuten lang in der Apple Telefonwarteschleife hing und während er wartete, &#8220;super schlecht klingende Rocksongs&#8221; [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>James Brown war schon fertig. Auch die andere 70er Jahre Funk-Nummer danach. Momentan schepperte Bob Marleys &#8220;Could You Be Loved&#8221; vom Band der Telefonwarteschleife. Irgendwo habe ich irgendwann mal gelesen, und daran erinnerte ich mich jetzt, dass irgendsoein Fanboy zwanzig Minuten lang in der Apple Telefonwarteschleife hing und während er wartete, &#8220;super schlecht klingende Rocksongs&#8221; hören musste, so wie ich jetzt, der auch in Apples Telefonwarteschleife hing, super schlecht klingende Rocksongs hören musste, und ich mir deshalb schon überlegte, ob das super-schlecht-klingende-Rocksongs-vom-Band-in-der-Telefonwarteschleife-Abspielen purer gedankenloser Zufall war oder doch perfide Methode, denn James Brown und Bob Marley sind für sich genommen sicherlich aussergewöhnliche Bereicherungen der Musikgeschichte, jedoch vermag der zuweilen heftig  agitierende Rhythmus ihrer Musik in Verbindung mit einer scheppernden Soundqualität vielleicht im Gemüt eines Telefonwarteschleifenmusikhörers, der ohnehin schon aufgrund irgendeines Soft- oder Hardwareproblems ziemlich genervt ist, erwünschte Entscheidungen im Konzernsinne auszulösen. Wahrscheinlich, so dachte ich mir, gab es in Cupertino schon seit Jahren eine bereits von Steve Jobs installierte Arbeitsgruppe mit ausgesuchten Experten, die nichts anderes macht, als die Musik der Warteschleife als auch den Grad ihres Schepperns dergestalt zu optimieren, dass möglichst wenige Anrufer auch tatsächlich durchgestellt werden müssen, da die ganzen Nörgler und Lesfaulen und Choleriker schon bevor sie teuer bezahlte Apple-Advisor Zeit in Anspruch nehmen können, durch ihre eigenen Entscheidungen aussortiert werden, weil sie sich denken,</p>
<p>Herrgottrufichspäternochmalan</p>
<p>oder</p>
<p>Besserichlesnochmaldasmanualoderiminternetoderrufgeorgan</p>
<p>oder</p>
<p>Grrrrmppf!</p>
<p>und dann entnervt den Hörer auflegen.</p>
<p>Wobei der Fanboy, von dem ich in dem blödsinnigen <a href="http://www.heise.de/mac-and-i/meldung/Tim-Cook-Anekdote-Wie-ein-Kunde-einmal-Apples-Wartemusik-veraenderte-2260691.html" target="_blank"><span style="text-decoration: underline;">Artikel</span></a> irgendwo im Internet gelesen habe, es doch tatsächlich fertig gebracht hat, diese von ihm und mir so gehörten &#8220;super schlecht klingenden Rocksongs&#8221; 20 Minuten lang zu ertragen, nur um danach eine Beschwerde-Email an wen? &#8211; ja klar &#8211; Tim Cook zu schreiben. Und jetzt könnte man meinen, in dieser Email habe gestanden, dass es eine Frechheit sei, so viel Geld für ein Produkt auszugeben, das dann aus irgendeinem Grund nicht richtig funktioniert, weshalb man dann noch zusätzlich genötigt wird, eine Hotline anzurufen, in deren Warteschleife man sageundschreibe 20 Minuten Lebenszeit verplempert, während man &#8220;super schlecht klingende Rocksongs&#8221; anhören muss. Aber natürlich hat genau das nicht in dem Beschwerde-Email an den Apple-Chef gestanden, wenn dieser blödsinnige Artikel auch nur einen Fünkchen Wahrheitsgehalt besitzt, denn tatsächlich bat der geplagte Telefonwarteschleifenmusikhörer den Apple-CEO in seiner Email um &#8220;eine weniger verzerrt wiedergegebene Wartemusik&#8221;.</p>
<p>!</p>
<p>Und tatsächlich rief am nächsten Tag eine Dame aus Cupertino beim Telefonwarteschleifenmusikhörer an, um ihm mitzuteilen, sie habe eine besorgte Email vom Apple-CEO erhalten: &#8220;Der Apple-Chef habe sich persönlich von der verzerrten Warteschleifenmusik überzeugt und angeordnet, dass etwas zu tun sei.&#8221; Und die Frau führte angeblich weiter aus, dass die Wartemusik deshalb zukünftig getestet werde, um sicherzustellen, dass sie sich auf allen Telefonen und Verbindungsarten gleich gut anhöre. Der Artikel schloss mit dem Satz: &#8220;Und siehe da: Wenig später war die Musik in Apples Warteschleife nicht mehr verzerrt.&#8221;</p>
<p>Vielen Dank für ihre Geduld. Unser nächster freier Apple-Advisor wird ihnen in Kürze zur Verfügung stehen.</p>
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		<title>Stockholm-Syndrom</title>
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		<pubDate>Mon, 30 Jun 2014 19:48:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Oliver Zajac</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Demenz]]></category>
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		<description><![CDATA[Manchmal setzen sich eigentlich und in dieser Zeit ganz selbstverständliche Wahrheiten nur sehr zögerlich durch, auch wenn man sie immer und immer wieder in den Zeitungen oder auf den Webseiten liest und eine dieser Wahrheiten ist &#8211; Achtung, Zitat!:
&#8220;Es geht zunehmend vor allem um die Frage, wie viel Geld der Patient einbringt. Und nicht mehr [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Manchmal setzen sich eigentlich und in dieser Zeit ganz selbstverständliche Wahrheiten nur sehr zögerlich durch, auch wenn man sie immer und immer wieder in den Zeitungen oder auf den Webseiten liest und eine dieser Wahrheiten ist &#8211; Achtung, <a href="http://www.sueddeutsche.de/leben/pflegende-angehoerige-wo-bleibt-die-wut-1.2006094" target="_blank"><span style="text-decoration: underline;">Zitat!</span></a>:</p>
<p>&#8220;Es geht zunehmend vor allem um die Frage, wie viel Geld der Patient einbringt. Und nicht mehr vorwiegend darum, welche Therapie der Patient wirklich benötigt und auch verträgt.&#8221;</p>
<p>Eine dieser schlichten Wahrheiten, die uns eigentlich ganz geläufig sein sollten, dennoch aber immer wieder erstaunen, auch und gerade, wenn sie durch Zahlen und Fakten belegt wird, wonach in Deutschland im europäischen Vergleich viel zu viel operiert wird, viel zu viele Medikamente verordnet werden, für die deutsche Krankenkassen und Patienten gemessen an den Preisen im europäischen Ausland auch noch viel zu viel bezahlen müssen.</p>
<p>Und vermutlich gibt es zwei Gründe, warum ausgerechnet diese schlichte Wahrheit sich nicht durchsetzen kann, sie immer noch nicht geglaubt wird, obwohl eigentlich ein Jeder weiss oder wissen könnte, dass sie wirklich wahr ist.</p>
<p>Zum einen ist es die besondere Situation, in welcher der Einzelne oder der Patient gerät, sobald er aufgrund eines Defektes, körperlicher oder psychischer Art, professioneller Hilfe bedarf. Und eigentlich müsste man schreiben, dass er in diesem speziellen Falle der professionellen Hilfe nicht nur bedarf, sondern ihrer sogar bedürfen muss, da ihm keine andere Alternative bleibt ausser vielleicht den Defekt zu ignorieren, was in den allermeisten Fälle zur Folge hätte, dass der Defekt, sei es ein Blinddarmdurchbruch, eine Leistenhernie, eine Krebserkrankung, eine Psychose oder was auch immer sich nurmehr verschlechtert, was sich letztendlich und ziemlich todsicher zu einer Existenzbedrohung auswachsen würde. Will und kann der Patient also nicht mehr ignorieren, muss er der Behandlung bedürfen, sieht er sich einem medizinisch-pharmazeutischen Apparat gegenüber, den er nicht im Mindesten durchschaut. Er weiss in der Regel nicht, wie sein Defekt am besten zu behandeln ist; er weiss nicht, welche Behandlungsalternativen es gibt; er weiss nicht, welche Erfolgsaussichten verschiedene Behandlungsarten haben, welche Risiken sie bergen, noch welche Kosten ihm, der Krankenkasse oder der Allgemeinheit erwachsen. Der Patient ist ahnungslos, er ist hilflos oder mit einem anderen Wort: er ist ausgeliefert.</p>
<p>Und eben dieses Ausgeliefert-Sein ist vermutlich die Ursache für den zweiten Grund, weswegen er der oben genannten schlichten Wahrheit nur ungern Glauben schenkt, denn wenn er schon ausgeliefert ist, so wünscht es sich der Patient, dann möchte er natürlich keinem Halunken ausgeliefert sein. Er möchte vielmehr Menschen ausgeliefert sein, die es gut mit ihm meinen, die das Bestmögliche für ihn unternehmen, ihm den Defekt nehmen, ohne ihm andere Defekte zuzufügen. Der Patient möchte gerne glauben, dass die Vertreter des medizinisch-pharmazeutischen Apparates ihm wohlgesonnen sind.</p>
<p>Was der Patient hierbei nur zu gern ausblendet ist, dass der medizinisch-pharmazeutische Apparat unter einem ökonomischen Primat steht. Deutschland hat immer noch zu viele Krankenhausbetten, viele Krankenhäuser arbeiten defizitär, der Kostendruck ist enorm, was nicht wenige Häuser zwingt, den Umsatz pro Patient zu maximieren und zwar unabhängig von der therapeutischen Notwendigkeit oder des besseren medizinischen Wissens.</p>
<p>Der Patient ist in einer Situation, in die er sich nicht freiwillig begeben hat, sondern durch einen Defekt gezwungen wurde, in der er sich einer undurchschaubaren Macht ausliefern musste, sein Wohl und Wehe von einer Gewalt abhängig macht, deren Motivation wenn überhaupt nur partiell im Interesse des Patienten ist, denn der Patient hat kein unmittelbares Interesse daran, dass die Klinik an ihm möglichst viel Umsatz erwirtschaftet, er hat immer nur ein Interesse daran, dass er möglichst schnell wieder gesund wird. Es gibt wenige vergleichbare Situationen und zumal in dieser existenzbedrohenden Ausprägung eigentlich nur eine, in der ein Mensch gegen seinen Willen in die Gewalt anderer Menschen gezwungen wird, deren Denken und Handeln er nicht durchschaut und von denen er sich erhofft, sie würden sich in seinem Sinne, zu seinem Wohl einsetzen, obwohl er eigentlich wissen sollte, dass dem nicht so ist: und das ist die Situation einer Geisel, die dem Geiselnehmer ähnlich machtlos ausgeliefert ist, von ihm abhängig gemacht wurde, dessen Denken und Handeln er nicht durchschauen kann, da sie anderen Motivationen folgen, die nicht die seinen sind und von denen er nur hoffen kann, dass sie ihm wohlgesonnen bleiben, obwohl sie höchstens gleichgültig sind.</p>
<p>Beide, der Patient und die Geisel, befinden sich in ihrer Situation aus Angst vor einer körperlichen oder psychischen Versehrtheit, und beide, der Vertreter des medizinisch-pharmazeutischen Komplexes und der Geiselnehmer, versuchen aus dieser Angst den maximalen Profit zu ziehen. Und beide Situationen, die des Patienten und der Geisel, sind geprägt durch einen grösstmögliche Asymmetrie, der Machtlosigkeit auf der einen und der Allmacht auf der anderen Seite. Was aber macht aus einem Menschen eine Geisel oder Patienten? Im Falle der Geisel scheint der Fall klar, zu einer Geisel wird ein Mensch, indem er sich durch unmittelbare Gewaltandrohung dem Willen eines anderen Menschen unterwirft. Wie verhält es sich aber bei einem Patienten? Wird er zur Geisel des Apparates allein durch seinen Defekt? Oder durch die aus Lobbyinteressen gestrickte Gesundheitspolitik, die danach trachtet, ihn, den Patienten, möglichst unmündig und ahnungslos zu halten, so dass er sich gar nicht wehren kann? Oder sind es wir alle, wir Geiseln des Apparats, die aus Patienten Geiseln machen, weil wir immer wieder die Erwartungen des Apparats erfüllen, brave Geiseln zu sein.</p>
<p>(Mehr zum Thema findet sich <a href="http://www.arztwiki.de/wiki/Jan_Erik_D%C3%B6llein" target="_blank"><span style="text-decoration: underline;">hier</span></a>)</p>
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		<title>Gefundene Fressen</title>
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		<pubDate>Sat, 31 May 2014 20:52:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Oliver Zajac</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Pflege]]></category>

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		<description><![CDATA[Und natürlich muss man das Folgende nicht lesen. Und natürlich muss man das Folgende auch nicht schreiben. Da es hier schon oft gelesen und geschrieben steht. Weshalb es nicht neu geschrieben wird. Sondern nur konstruiert aus altem Geschriebenen und Gelesenen. Wie aus einem Baukasten zusammengesetzt. Aus alten Wörtern und Sätzen einen nicht neuen Text gebaut, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Und natürlich muss man das Folgende nicht lesen. Und natürlich muss man das Folgende auch nicht schreiben. Da es hier schon oft gelesen und geschrieben steht. Weshalb es nicht neu geschrieben wird. Sondern nur konstruiert aus altem Geschriebenen und Gelesenen. Wie aus einem Baukasten zusammengesetzt. Aus alten Wörtern und Sätzen einen nicht neuen Text gebaut, in dem steht, was jeder wissen kann, aber nur die Wenigsten zur Kenntnis nehmen oder im Gedächtnis behalten wollen. Und es lieber vergessen. Vergessen, um sich dann wieder zu empören. Und sich zu gefallen in der Empörung, wenn sie wieder einmal im Fernsehen wackeren Aufklärungsjournalisten dabei zuschauen, wie sie undercover unhaltbare Mißstände in zwei deutschen Pflegeheimen und einem Pflegedienst aufdecken. Abgesehen von der Tatsache, dass es sich bei der Aktion um keine zufällige Stichprobe handelte, denn offenbar wusste man ziemlich genau, wo man suchen musste, verwundert die Tatsache, dass man oder die wackeren Undercover-Journalisten der Pflege etwas unterstellen, was vielleicht sogar die Grundunterstellung der Pflege ist. Man unterstellt ihr, sie sei anders. Man unterstellt ihr, sie sei nicht von dieser Welt. Und hat dann nach Aufdeckung der Mißstände gefälligst überrascht, so ehrlich empört zu sein, dass Pflege eben nicht anders ist, in ihr nicht die besseren Menschen arbeiten, sie vielmehr Teil dieser Welt ist, in welcher es, wie in jeder anderen Branche eben auch schwarze Schafe gibt.</p>
<p>Und?</p>
<p>Interessiert das irgendjemanden?</p>
<p>Vermutlich nicht. Sonst wäre man nicht jedes Mal auf´s Neue so wahnsinnig überrascht. Von der Pflege, die so böse sein kann.</p>
<p>Im Ernst. Was würden Sie machen, wenn Sie ein in die Jahre gekommener Undercover-Journalist wären, der für ein bisschen mehr Einschaltquote bei einem privaten Fernsehsender sorgen soll? Wen würden Sie journalistisch unterwandern? Na, die üblichen Verdächtigen eben. Oder nicht? Also, die Autowerkstätten, von denen bekannt ist, dass sie pfuschen. Die Gebrauchtwagenhändler, die die Tachos zurückdrehen, bevor sie die Karren nach Osteuropa verticken. Die Filialen einer Bulettenbratkette, deren neuer Geschäftsführer schon seit Monaten negative Schlagzeilen machen kann, weil sein verschnarchter Franchisegeber ihn viel zu lange hat gewähren lassen. Die Schlachthöfe, in denen osteuropäische Schlachter mit Werkverträgen für Hungerlöhne schuften, während der Schlachthofbesitzer Millionen in einen Fussballverein steckt. Die Wett-Mafia, die Fussballspiele verschiebt. Die Banker, die schon wieder kräftig zocken, nachdem sie mit Steuermilliarden gerettet werden mussten. Die Journalisten, die Interviews faken und Geschichten erfinden. Die Politiker, die Lobbyinteressen nachgeben und deren Klientel grosszügig mit Wahlgeschenken bedenken, die von zukünftigen Generationen bezahlt werden müssen. Die Pharmafirmen, die ebenso sinnlose wie überteuerte Medikamente auf den Markt bringen. Die Ärzte, die falsch und gefährlich behandeln, aber nie belangt werden. Und, und, und…</p>
<p>Allesamt gefundene Fressen. Wenn man nur weiss, wo man suchen muss, um die schwarzen Schafe stellvertretend für eine ganze Branche an den Pranger stellen zu können.</p>
<p>Wo ist der Erkenntnisgewinn?</p>
<p>Es gibt keinen Erkenntnisgewinn, denn dass es in jeder Branche Menschen gibt, die ihren Job gut und ehrlich machen und andere, die das eben nicht tun, wussten wir schon vorher. So wie wir auch schon vorher wussten, dass es Aufgabe des Staates, der Exekutive und Judikative ist, den schwarzen Schafen aller Branchen das Handwerk zu legen und sie gegebenenfalls einer gerechten Strafe zuzuführen.</p>
<p>Was ist also das Problem?</p>
<p>Das Problem ist die Grundverlogenheit mit der in regelmässigen Abständen immer frisch nach dem letzten Skandal auf Pflege eingedroschen wird. Da ist dann von der Pflegemafia die Rede, von den unhaltbaren Zuständen, von Abzocke und kriminellen Strukturen. Eine Tirade nach der anderen ergiesst sich über Pflege und alle enden mit der Schlussfolgerung, dass die Gesetze dringend geändert werden müssen, damit sich die Zustände bessern. Ganz so, als ob man es nicht besser wüsste oder zumindest besser wissen könnte. Denn die Pflege, die wir heute haben, ist das Produkt der gesetzlichen Vorgaben, nach denen die Legislative Pflege definiert. Und gerade hier liegt der Grundfehler von Pflege, denn die Legislative denkt Pflege in ihren Gesetzen vor allem aus der Perspektive ihrer institutionellen Wohnform.</p>
<p>Fahren Sie dieses Jahr in Urlaub? Wenn ja, wie haben Sie Ihren Urlaubsort ausgesucht? Wahrscheinlich haben Sie Ihren Urlaubsort allein nach der Grösse und Beschaffenheit des dortigen Hotel- oder Pensionszimmers ausgesucht. Deshalb nehmen Sie es auch in Kauf, dass Ihr Hotel oder Ihre Pension im Industriegebiet von Caracas oder in einem Vorort von Damaskus liegt, denn Sie haben ja gar nicht vor, Ihre Unterkunft zu verlassen. Sie wollen einfach nur Ihren gesamten Urlaub im Bett liegen oder auf der Couch sitzen und ansonsten Fernsehgucken oder die Wand anstarren. Gut, ab und zu kommt jemand vorbei, bringt Essen und Trinken und sorgt sich auch sonst um Ihr körperliches Wohlergehen. Versprochen! Ganze 14 Tage lang. Wie? Das ist Ihnen nicht genug? Sie wollen etwas erleben? Sie wollen betreut werden? Erfüllte Urlaubstage in Gemeinschaft? Sie wollen kommunizieren und gestalten? Tja, tut uns leid, aber das sieht das Urlaubsgesetz nicht vor. Vielleicht ist Ihr Reiseleiter so blöde und bietet diese Leistungen kostenfrei an, denn gesetzlich verpflichtet ist er dazu nicht. Und bezahlt wird auch nichts. Nein, wirklich nicht! Aber dafür wohnen Sie doch so schön. Was soll das heissen, das ist Ihnen nicht genug? Sie haben noch andere Bedürfnisse? Jetzt seien sie mal nicht so undankbar, der Gesetzgeber hat das Urlaubsgesetz nämlich gerade überarbeitet. Bald gibt&#8217;s noch weniger Betreuung und mit dem schön Wohnen ist es dann auch vorbei. Kostet dann leider ein bisschen mehr. Aber dafür übernimmt die Urlaubskasse einen grösseren Anteil.</p>
<p>Es ist wie mit allem. Eine Gesellschaft hat immer die Pflege, die auch gewollt ist. Denn es sind die gewählten Politiker, die Pflege definieren und die deshalb auch dafür verantwortlich sind, die Qualität der Pflege, die sie definiert haben, wirksam zu kontrollieren. Wenn es also keine andere Pflege gibt, und die bestehende nicht wirksam kontrolliert wird, dann ist das politisch so gewollt. Und wie allgemein bekannt, unterliegt auch die politische Willensbildung vielfältigen Faktoren. Nur einer davon ist die öffentliche Meinung, die die Politik auffordert, endlich neue Gesetze zu erlassen, die aber letztendlich im Interesse Weniger und wider das bessere Wissen der verantwortlichen Fachpolitiker dafür sorgen werden, dass in der Pflege nach dem gefundenen das grosse Fressen endlich beginnen kann.</p>
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		<title>Und weil das so ist</title>
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		<pubDate>Wed, 30 Apr 2014 20:06:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Oliver Zajac</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Ambulant]]></category>
		<category><![CDATA[Demenz]]></category>
		<category><![CDATA[Pflege]]></category>

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		<description><![CDATA[Es gibt Heimleiter und Geschäftsführer in unserer so beschaulichen Branche, die behaupten allen Ernstes, wenn man alle Gesetze, Verordnungen und Richtlinien, die auf unsere beschauliche Branche Anwendung finden müssen, allesamt in handelsübliche Aktenordner heften würde, um sodann diese Aktenordnern mit all den Gesetzen, Verordnungen und Richtlinien Seite an Seite nebeneinanderzustellen, ergäbe sich eine ununterbrochene Aktenordnerstrecke [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Es gibt Heimleiter und Geschäftsführer in unserer so beschaulichen Branche, die behaupten allen Ernstes, wenn man alle Gesetze, Verordnungen und Richtlinien, die auf unsere beschauliche Branche Anwendung finden müssen, allesamt in handelsübliche Aktenordner heften würde, um sodann diese Aktenordnern mit all den Gesetzen, Verordnungen und Richtlinien Seite an Seite nebeneinanderzustellen, ergäbe sich eine ununterbrochene Aktenordnerstrecke von imposanten 60 Metern. So wie es auch Menschen gibt, die nicht müde werden zu behaupten, dass es nur noch eine andere Branche gebe als die unsere so beschauliche, auf die noch mehr Gesetze, Verordngungen und Richtlinien Anwendung finden müssen, und diese sei die Kernenergiebranche. Und es immer auch noch Menschen gibt, die behaupten, würden alle Heimleiter und Geschäftsführer dieser Republik alle Gesetze, Verordnungen und Richtlinien peinlichst genau beachten und einhalten, sie eigentlich gar nichts mehr anderes zu tuen hätten, als zu protokollieren und zu dokumentieren und überprüfen zu lassen, dass sie eben diese Gesetze, Verordnungen und Richtlinien peinlichst genau einhalten und zu sonst überhaupt nicht anderes mehr kämen, weshalb dieselben Menschen, die obiges behaupten, nicht selten auch behaupten, dass sie eigentlich in ihrer beruflichen Praxis immer mit einem Bein im Gefängnis stünden, weil sie aufgrund der unüberschaubar irrwitzigen Menge an Gesetze, Verordnungen und Richtlinien gar nicht wissen könnten, welche und wie viele dieser Gesetze, Verordnungen und Richtlinien sie gerade jetzt, in diesem Moment, in dieser Sekunde wieder gebrochen hätten, da sie einfach nur still da sassen.</p>
<p>Und weil die Einhaltung von Gesetzen, Verordnungen und Richtlinien natürlich kontrolliert werden muss, damit sie auch eingehalten werden, aber aufgrund der unüberschaubar irrwitzigen Menge an Gesetzen, Verordnungen und Richtlinien auch die Kontrolleure schon längst den Überblick verloren haben, da sie nicht mehr wissen, was von wem wann und wie zu kontrollieren ist und sie ausserdem behaupten, würden sie die Einhaltung der Gesetze, Verordnungen und Richtlinie peinlichst genau kontrollieren, sie gar nichts anderes mehr zu tuen hätten, als diese Kontrollen zu protokollieren und zu dokumentieren und überprüfen zu lassen, weshalb sie am Ende gar nichts mehr kontrollieren könnten.</p>
<p>Und weil das so ist, also die zu Kontrollierenden nichts mehr einhalten und die die Einhaltung Kontrollierenden nichts mehr kontrollieren können, haben sich schlaue Menschen überlegt, den irrwitzigen Wust an Gesetzen, Verordnungen und Richtlinien einfach und ziemlich nachhaltig abzuschaffen und zwar nicht indem sie den irrwitzigen Wust einfach mit Augenmass lichten sondern indem sie den Gegenstand der Gesetze, Verordnungen und Richtlinien einfach abschaffen, denn wenn es nichts zu Kontrollierendes mehr gäbe, so dachten sie sich, bräuchte es auch keine Gesetze, Verordnungen, Richtlinien und Kontrollen mehr.</p>
<p>Und weil diese grosse Abschaffung bereits mit den Atomkraftwerken so gut geklappt hat und wir jetzt endlich grünen und billigen Strom ziemlich teuer einkaufen dürfen, haben sich diese schlauen Menschen überlegt, gleich mit den Pflegeheimen weiterzumachen, weil sie hoffen, dass mit der Abschaffung der Pflegeheime auch die Notwendigkeit der Gesetze, Verordnungen, Richtlinien und Kontrollen gleich mit abgeschafft wird.</p>
<p>Und weil das so ist, haben sie sich daran gemacht, ein Gesetz zu basteln, welches ein erster Schritt zur Abschaffung der Pflegeheime sein soll, da es zum einen den irrwitzigen Wust an Gesetzen, Verordnungen und Richtlinien für die Pflegeheime nur noch verstärkt und zum anderen eine neue Form der stationären Pflege erfindet, für welche dieser irrwitzige Wust an Gesetzen, Verordnungen und Richtlinien nicht mehr gelten soll.</p>
<p>Und diese neue Form der stationären Pflege nannten sie Pflege-WG.</p>
<p>Und weil das so ist, denken sie jetzt in der Kernenergiebranche darüber nach, ihre Atomkraftwerke besser Windräder zu heissen.</p>
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		<title>Der Text für den Rest von uns 3 (Ich, der Souverän 2)</title>
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		<pubDate>Sun, 15 Sep 2013 17:17:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Oliver Zajac</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>

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		<description><![CDATA[Und auch wenn die so genannte Spektakel-Verkomplizierung mindestens genauso effizient ist wie eine veritable EU-Verkomplizierung und dafür noch wesentlich schneller umgesetzt werden kann, so hat auch die Spektakel-Verkomplizierung zum Leidwesen der Prinzen dennoch zwei entscheidende Nachteile, die ihre Einsatzmöglichkeiten begrenzen. Spektakel-Verkomplizierungen sind zum einen sehr aufwendig, verbrauchen gerade in ihrer speziellen Form der Staats-Spektakel-Verkomplizierung ungemein [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Und auch wenn die so genannte Spektakel-Verkomplizierung mindestens genauso effizient ist wie eine veritable EU-Verkomplizierung und dafür noch wesentlich schneller umgesetzt werden kann, so hat auch die Spektakel-Verkomplizierung zum Leidwesen der Prinzen dennoch zwei entscheidende Nachteile, die ihre Einsatzmöglichkeiten begrenzen. Spektakel-Verkomplizierungen sind zum einen sehr aufwendig, verbrauchen gerade in ihrer speziellen Form der Staats-Spektakel-Verkomplizierung ungemein viel an Ressourcen, sie bedingen also endlose Sitzungen, Unmengen an heisser Luft und sinnentleerten Prinzengeschwafels, was selbst den Prinzen irgendwann auf die Nerven geht, und sind zum anderen nicht unbegrenzt oft einsetzbar, da die Spektakel-Verkomplizierung eben der politische Ausnahmezustand ist, worin sich gerade auch ihre Funktion begründet, denn sollte die Spektakel-Verkomplizierung der politische Normalzustand werden, würde sie nicht mehr funktionieren, da sie von den Prinzen immer nur dann sinnvoll eingesetzt werden kann, wenn ich, der Souverän, sie, die Prinzen, bei einer ihrer Sauereien erwischt habe und die Prinzen auch wissen, dass sie erwischt worden sind und deshalb die sogenannte Spektakel-Verkomplizierung zünden, die eigentlich nichts anderes ist, als eine riesige Nebelgranate, die von ihren wahren Interessen und den Ursachen und der Urheberschaft der neuerlichen Sauerei, die ja der eigentliche Normalzustand ist, ablenken soll. Im Allgemeinen ziehen es die Prinzen aber vor, lieber nicht erwischt zu werden, was sie wiederum in ihr altbekanntes Prinzen-Dilemma stürzt, da sie natürlich überhaupt kein Interesse daran haben, keine neuerlichen Sauereien zu begehen, sie aber auch wissen, dass sie demnächst wieder beabsichtigen müssen, eine Wahl zu geben, was sie wiederum daran erinnert, dass es erstens: mich immer noch gibt und zweitens: sie meiner Legitimation bedürfen, um das zu erlangen, von dem ich immer denke, dass es am besten abgeschafft gehöre. Und weil das so ist und die Prinzen auch wissen, dass eine EU-Verkomplizierung zwar enorm effektiv aber auch sehr schwerfällig ist, da sie von langer Hand vorbereitet werden muss, und eine Spektakel-Verkomplizierung nicht ohne Ende eingesetzt werden kann, ohne sich abzunützen, und sie natürlich gar kein Interesse daran haben, meine Interessen zu vertreten sondern immer nur ein Interesse daran haben, mich fortwährend mit Gesetzen zu drangsalieren, die mich ziemlich verärgern könnten, da sie weniger meinem als mehr ihrem oder dem Wohl irgendwelcher Interessengruppen dienen, haben die Prinzen nach Vorbild eines amerikanischen Computerkonzerns eine weitere Art der Verkomplizierung ersonnen, die es ihnen ermöglichen soll, Sachverhalte so zu verkomplizieren, dass ich, der Souverän sie erstens: nicht kapiere und zweitens: auch nicht kapiere, dass ich sie nicht kapiere, weil ich zu der Ansicht gelangen soll, dass sie nicht kompliziert sondern im Gegenteil ganz einfach und auch durch mich voll und ganz zu kapieren sind, ohne dass ich sie wirklich kapiere, und diese Art der Verkomplizierung ist die sogenannte doppelte Verkomplizierung oder auch Verkomplizierung durch Vereinfachung. Und ich muss zugeben, dass diese doppelte Verkomplizierung das eigentliche Meisterstück der Prinzen ist, dem ich lange Zeit nicht auf die Schliche gekommen bin, da die Prinzen die Geschäftspraktiken des überaus erfolgreichen Konzerns bis in das letzte Detail studiert und auf ihre Geschäftspraktiken übertragen haben, indem sie unter anderem lernten, dass es auf Dauer nicht ausreichen wird, immer nur dieselbe EU- oder Spektakel-Verkomplizierung zu veranstalten, also immer wieder dieselbe Software aufzuspielen, sondern es in ihrem Sinne viel gewinnbringender sein könnte, neben der Software auch eine neue Hardware, einen neuen Typus von Prinz oder Prinzessin, zu entwickeln, der es ihnen ermöglichen soll, ihrem Geschäftsinteresse zunehmend ungestört nachgehen zu können, da ich, der Souverän, durch den vereinten Einsatz von Soft- als auch Hardware möglichst kaltgestellt werden soll und sich so auch der Schrecken dessen, was die Prinzen alle vier Jahre zu veranstalten beabsichtigen müssen, für diese mehr und mehr verliert.</p>
<p>Dass ich so lange brauchte, dieser neuen Geschäftspraktik meiner Prinzen auf die Schliche zu kommen, hat, wenn ich es recht bedenke, zweierlei Ursachen, zum einen, habe ich der Souverän, noch andere Sachen zu tuen, als immer und ohne Unterlass meine Prinzen zu kontrollieren, die mich ja vertreten sollen, während ich das Geld verdiene, um sie zu bezahlen, damit sie mich vertreten können, was zur Folge hat, dass ich, der Souverän, im Gegensatz zu den Prinzen einer Doppelbelastung ausgesetzt bin, da ich nicht nur das Geld verdienen muss, damit ich vertreten werden kann sondern auch noch jene zu kontrollieren habe, die mich vertreten, während die Prinzen einfach nur ihr Geld verdienen, indem sie mich vertreten. Und gerade wegen dieser Doppelbelastung, die aufgrund des grossen Einfallsreichtums meiner Prinzen mit ihren täglich neuen Verkomplizierungen wie Gesetzen, Verordnungen, Gesetzesinitiativen, Erlassen, Förderprogrammen undsoweiterundsofort schnell zu einer Überlastung werden kann, sehne ich mich im Grunde nach einer Vereinfachung meiner Kontrollfunktion. Ich sehne mich, wenn ich denn zuhause auf meiner Fernsehcouch sitze und den Fernseher einschalte, danach, dass meine Prinzen auf dem Bildschirm erscheinen und zu mir sprechen und beispielsweise sagen: SOLIDE FINANZEN, GEMEINSAM ERFOLGREICH, MEHR FÜR FAMILIEN, SICHERE ARBEIT, STARKE WIRTSCHAFT, und dann, wenn die Prinzen so gesprochen haben, was sie ja eigentlich immer und alle tuen, wünsche ich mir, dass ich ihnen wirklich und wahrhaftig auch glauben kann, was sie so versprochen haben. Also kurz gesagt, ich wünsche mir eigentlich eine einfache Welt, und am allerbesten eine Welt, die so einfach ist wie eine Fernbedienung mit nur einem einzigen Knopf. Und weil die Prinzen wissen, dass ich mir das wünsche, sie bisher aber nur über Fernbedienungen verfügten, die ziemlich viele Knöpfe hatten und auf denen mein Knopf stets der kleinste war, wenn er denn überhaupt mal funktionierte, und ich ihnen deshalb auch nie glauben konnte, was sie versprachen, haben sie zum anderen schon vor Jahren den Prototyp eines Prinzen oder genauer einer Prinzessin mit einer Fernbedienung mit nur einem einzigen Knopf entwickelt, der mein Bedürfnis nach grösserer Einfachheit bedienen soll und dessen unglaublicher und so nicht vorherzusehender Erfolg selbst dem einen oder anderen Prinzen im Verlauf der letzten Jahre doch etwas unheimlich geworden ist.</p>
<p>Und ich erinnere mich noch gut daran, dass auch mir seltsam unheimlich zumute war, als mir der Prototyp in seiner Eigenschaft als damalige Umweltministerin zum ersten Mal im Fernsehen vorgestellt wurde, als sie, die Ministerin, deren Fernbedienung mit dem einzigen Knopf damals allein in den Händen ihres Chefs lag, im Begriff war, einen Förderkorb im Salzstock Gorleben zu besteigen, um das zu untersuchen, was so ziemlich alle Umweltminister eines Landes untersuchten, untersuchen und untersuchen werden, in dem es zwar ganz sicher mehrere Abhandlungen oder Dissertationen oder Gutachten gibt, die über viele hundert Seiten erörtern, ob ein gebrauchtes Papiertaschentuch im Biomüll, in der Papiertonne oder doch besser im Restmüll entsorgt werden soll, aber immer noch kein Entsorgungskonzept für den inzwischen tonnenweise angehäuften Atommüll, der noch in Millionen Jahren tödlich vor sich hin strahlen wird, wenn das Papiertaschentuch schon längst verrottet ist. Und weil es mir so seltsam unheimlich war, als mir der Prototyp in seiner Eigenschaft als damalige Umweltministerin vorgestellt wurde, der im Fernsehen gerade in den Förderkorb stieg, um dann in die Tiefe zu rauschen und den Salzstock zu erkunden, glaubte ich auf einmal den dringenden Wunsch zu verspüren, der Prototyp in seiner weissen Bergmannskluft, dem Helm und Grubenlampe möge besser gar nicht mehr auftauchen, er möge besser unten bleiben, aber gerade, als ich anfing darüber nachzudenken, ob man aus dem Salzstock in Gorleben wenn schon kein Endlager für Atommüll so vielleicht doch ein Endlager für die Prinzen machen könnte, wenn man sie denn endlich eines fernen Tages nicht mehr bräuchte, tauchte der Prototyp plötzlich wieder auf dem Bildschirm auf, wie er überhaupt in den kommenden Jahren immer dort auftauchte, wo ich, der Souverän, ihn eigentlich nie vermutet hätte: er vier Jahre nachdem er überraschend im Umweltministerium aufgetaucht war, schon Generalsekretärin wurde, wiederum zwei Jahre später bereits den Parteivorsitz übernahm, um dann nach nur fünf weiteren Jahren auf einmal unser aller Chef zu werden. Und da erst begann es mir langsam zu dämmern, dass die Prinzen mit diesem neuen Prototyp etwas geschaffen hatten, das ich nicht mehr kontrollieren können sollte, aber sie zunehmend auch nicht mehr kontrollieren konnten, da dieser wundersame Prototyp ein einzigartiges Design besass, welches durch eine bis dahin nicht dagewesene Einfachheit bestach, die so einfach war, das sie nur sehr kompliziert oder gar nicht zu erklären ist, wie auch das Nichts nun einmal nur sehr kompliziert oder gar nicht zu erklären ist, da alle Gedanken oder Deutungen oder Begriffe an ihm abgleiten müssen, weil sie keinen Halt an dem zu Erklärendem finden, so wie auch alle Gedanken an dieser einzigartigen Einfachheit abgleiten mussten, da alles Komplizierte in einem Einfachen zusammengefaltet war, aus dem dann nur noch Beliebigkeiten krochen, die es dem Prototyp erlaubten, wie eines dieser neuartigen amerikanischen Flugzeuge mit Tarnkappentechnik sämtliche Frühwarnsysteme und Deutungsradare des Souveräns aber auch der Prinzen zu durchfliegen, ohne dort auch nur die geringste Spur zu hinterlassen, um sodann plötzlich und überraschend an einem Ort  wieder aufzutauchen, den niemand, auch die Prinzen nicht, vorher auf der Rechnung hatte. Und nachdem mir das nun endlich gedämmert war, schaute ich auf die Fernbedienung mit dem nur einen einzigen Knopf, die mir, dem Souverän, jetzt durch den Prototyp in die Hand gedrückt worden war, strich mit dem rechten Daumen über den einen einzigen Knopf, der einst schon durch einen Bundeskanzler und einem Parteivorsitzenden gedrückt worden war, bevor der Bundeskanzler abgewählt wurde und der Parteivorsitzende die Fernbedienung mit dem nur einen einzigen Knopf abgeben musste, weil seine eigene Fernbedienung ein paar Knöpfe zu viel hatte, und drückte den einen einzigen Knopf, als der <a href="http://www.heute.de/Merkel-zu-Syrien-Rolle-der-UN-st%C3%A4rken-29631300.html" target="_blank"><span style="text-decoration: underline;">Prototyp über den Bildschirm flimmerte, und hörte ihn den einen einzigen Satz sagen</span></a>, immer und immer wieder: DeutschlandwirdsichdafüreinsetzenDeutschlandwirdsichdafüreinsetzen…, sodass ich noch einmal den einen einzigen Knopf drückte und der Prototyp daraufhin sagte: DeutschlandDeutschlandDeutschlandDeutschland… und drückte noch mal den einzigen Knopf: WirWirWirWir…, woraufhin ich die Fernbedienung mit dem einen einzigen Knopf erschrocken fallen liess, da ich, der Souverän, begriff, wie dieser Prototyp Demokratie verstand, da ich begriff, wie er mich verstand, wie dumm er mich fand, und hiess mich Willkommen in <em>seinem</em> Land.</p>
<p>Hiess mich Willkommen in der Diktatur der Doofen.</p>
<p><strong>Dritter und letzter Teil. Und falls jetzt Eine oder Einer unbedingt der Versuchung erliegen möchte, das leichteste von allen möglichen Missverständnissen zu begehen und zu behaupten, dieser Text <em>meine</em>, Wähler irgendeiner Partei und ganz speziell Frau Merkel seien doof, so sei Diesem oder Dieser gesagt, dass dies ganz gewiss nicht die Intention des Textes ist. Das wäre nämlich viel zu einfach.<br />
</strong></p>
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		<title>100 Millionen für nichts</title>
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		<pubDate>Sat, 31 Aug 2013 20:33:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Oliver Zajac</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Ambulant]]></category>
		<category><![CDATA[Pflege]]></category>

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		<description><![CDATA[Und eigentlich kann auch die reformpflege es nicht mehr hören oder sagen oder schreiben. Da aber dieses Blog eines der ersten Medien war, das die so genannte Pflegetransparenzprüfung kritisierte, also jene absolut sinnfreie Veranstaltung, bei der erwachsene Menschen das Tun anderer erwachsener Menschen prüfen, wobei die prüfenden Menschen als auch die zu prüfenden Menschen während [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Und eigentlich kann auch die reform<strong>pflege</strong> es nicht mehr hören oder sagen oder schreiben. Da aber dieses Blog eines der ersten Medien war, das die so genannte Pflegetransparenzprüfung kritisierte, also jene absolut sinnfreie Veranstaltung, bei der erwachsene Menschen das Tun anderer erwachsener Menschen prüfen, wobei die prüfenden Menschen als auch die zu prüfenden Menschen während der Prüfung ganz genau wissen, dass sie gerade einer absolut sinnfreien und sinnlosen Veranstaltung beiwohnen, was ja eigentlich eine ganz spassige Gelegenheit sein könnte, dem pflegerischen Alltagstrott einmal im Jahr zu entfliehen, wenn nur diese sinnfreie Prüfung nicht Stunden dauern und ihre ganze Sinnlosigkeit die Sozialversicherten in Deutschland, also uns, nicht <a href="http://www.welt.de/politik/deutschland/article9341375/Experten-verlangen-neue-Kriterien-fuer-Pflege-TUeV.html" target="_blank"><span style="text-decoration: underline;">100 Millionen Euro</span></a> im Jahr kosten würde, hat dieses Blog, welches schon früh und vehement auf diese sinnfreie Sinnlosigkeit hingewiesen hatte und auch die so genannte Pflegetransparenzprüfung immer wieder zum Thema machte, auch die verdammte Pflicht, den Kelch bis zur bitteren Neige zu leeren und auch weiterhin zu berichten aus dem wundersamen Land der Pflegetransparenzprüfung, in dem es seit geraumer Zeit und ausnahmslos nur noch Pflegeheime mit der Pflege-Tüv-Note „sehr gut“ gibt.</p>
<p>Denn es begab sich in diesem Land, dass jenes Gremium, welches für diese paradiesischen Zustände verantwortlich ist und das aus den Vertretern von Pflegekassen und den Vertretern der Träger der Pflegeeinrichtungen besteht, fast drei Jahre mit sich rang, um die so genannte Pflegetransparenzprüfung und deren Noten aussagekräftiger zu machen, da zumindest den Vertretern der Pflegekassen irgendwann dämmerte, wenn auch die Vertreter der Träger der Pflegeeinrichtungen das seltsamerweise gar nicht verstehen konnten, dass sie ihren Versicherten schon irgendeinen Gegenwert für die 100 Millionen Euro anbieten müssen, die sie, die Kassen, für eine absolut sinnlose und sinnfreie Veranstaltung namens Pflegetransparenzprüfung jährlich verbraten. Und weil man sich über Monate und Jahre nicht einigen konnte, musste jetzt von einer internen Schiedsstelle schön transparent hinter verschlossenen Türen ein Schiedsspruch über die notwendigen Veränderungen der so genannten Pflegetransparenzprüfung gesprochen werden.</p>
<p>Es sei der reform<strong>pflege</strong> erspart, auf diesen Schiedsspruch im Einzelnen einzugehen. (Wen das wirklich interessiert, der kann ja <a href="http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/pflege-tuev-prueft-nicht-die-pflege-an-sich-a-916261.html" target="_blank"><span style="text-decoration: underline;">hier</span></a> nachlesen).</p>
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		<title>Gottseibeiuns</title>
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		<pubDate>Wed, 31 Jul 2013 20:56:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Oliver Zajac</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Ambulant]]></category>
		<category><![CDATA[Pflege]]></category>

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		<description><![CDATA[Es kreiste der Berg und gebar &#8211; ja was eigentlich? Ein neues Heimgesetz oder ein  Wohnteilhabegesetz, wie es neuerdings heisst, ganz frei nach dem Motto „Wohnst Du noch oder teilhabst Du schon?“ Nein, die baden-württembergische Landesregierung gebar natürlich keine Maus. Wie könnte sie nur. Sie gebar den  „Gesetzentwurf für unterstützende Wohnformen, Teilhabe und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Es kreiste der Berg und gebar &#8211; ja was eigentlich? Ein neues Heimgesetz oder ein  Wohnteilhabegesetz, wie es neuerdings heisst, ganz frei nach dem Motto „Wohnst Du noch oder teilhabst Du schon?“ Nein, die baden-württembergische Landesregierung gebar natürlich keine Maus. Wie könnte sie nur. Sie gebar den  „Gesetzentwurf für unterstützende Wohnformen, Teilhabe und Pflege“ (behördendeutsche Abkürzung: WTPG), welches endlich das verstaubte Landesheimgesetz ablösen soll und das derzeit im Anhörungsverfahren verschiedenen Verbänden und Gremien zur Stellungnahme vorliegt und von dem die baden-württembergische Sozialministerin gemeinsam mit ihrem und unserem Ministerpräsidenten per Pressemitteilung verlautbaren lässt: „Wir reagieren damit auf die veränderten gesellschaftlichen Bedingungen. Anders als früher wollen heute die Menschen, die Hilfe und Begleitung im Alltag oder Pflege benötigen, so lange wie möglich in ihrer vertrauten Umgebung leben und nicht mehr allein die Wahl haben zwischen Heim oder häuslicher Pflege. Sie wollen vielmehr entsprechend ihrem jeweiligen Hilfebedarf aus einer breiten Palette von Wohn- und Betreuungsformen die für sie beste Alternative auswählen.“</p>
<p>Ist doch schön, wenn Politiker so genau wissen, was Menschen wollen, wiewohl natürlich genau die Grünen schon immer am besten wussten, was Menschen wollen (und sollen), obwohl man sich gerade im vorliegenden Falle kaum der Zeiten entsinnen mag, da Menschen eben nicht so lange wie möglich in ihrer vertrauten Umgebung verbleiben wollten und stattdessen schon vor der Zeit fröhlich und bei guter Gesundheit in ein Pflegeheim umzogen, weshalb es ja bereits heute einen bunten Strauss an Dienst- und Betreuungsleistungen gibt, die teilweise von der Pflegekasse finanziert werden und die ein möglichst langes Verbleiben von pflegebedürftigen Menschen in deren vertrauter Umgebung garantieren sollen. Und auch neue Wohnformen werden selbst die Grünen wohl kaum erfinden können, denn schon heute steht es jedem pflegebedürftigen Menschen frei, wo und wie und mit wem er wohnen und teilhaben will, sei es in den eigenen vier Wänden, zusammen mit anderen pflegebedürftigen Menschen in einer selbst organisierten Wohngemeinschaft oder in dem pflegepolitischen Gottseibeiuns, eben dem Pflegeheim. Letzteres, die Erfindung von neuen Wohnformen für pflegebedürftige Menschen, ist aber auch nicht Gegenstand des Gesetzentwurfes, Gegenstand des Gesetzentwurfes ist vielmehr die Regelung der staatlichen Aufsichtspflicht über die Wohnformen für pflegebedürftige Menschen als auch die Festsetzung bestimmter Mindeststandards für diese Wohnformen, welche dann noch durch die Formulierung ergänzender Verordnungen verbindlich festgezurrt werden sollen. Und hier differenziert das Sozialministerium zunächst einmal drei Wohnformen für pflegebedürftige Menschen in Baden-Württemberg:</p>
<p>Selbst organisierte ambulant betreute Wohngemeinschaften für pflegebedürftige Menschen, die nicht unter Anwendung des neuen Gesetzes fallen, die nicht durch staatliche Aufsichtsbehörden hinsichtlich ihrer erbrachten Pflegequalität kontrolliert werden und die keinerlei Anforderungen bezüglich der zu erbringenden räumlichen, baulichen und personellen Ausstattung zu erfüllen haben, da sie rechtlich nicht anders behandelt werden als anderweitiger privater Wohnraum.</p>
<p>Ambulant betreute Wohngemeinschaften mit nicht mehr als acht Personen, die nicht selbst organisiert sind sondern durch einen Anbieter verantwortet werden, erhalten im Gesetzentwurf gewissermassen einen Sonderstatus, da sie nur sehr geringe Standards zu erbringen haben, wenn der Vermieter, der gerne auch Anbieter von Pflegedienstleistungen sein kann, seinen Mietern freie Wählbarkeit der Pflegedienstleistungen einräumt, dieses auch glaubhaft nachweist und nicht mehr als zwei dieser Wohngemeinschaften in räumlicher Nähe zueinander betreibt, die auch nicht Bestandteil einer Pflegeeinrichtung sein, noch irgendwelche Büroräume eines Pflegedienstes beherbergen dürfen.</p>
<p>Alle anderen Einrichtungen oder Wohngemeinschaften, die pflegebedürftige Menschen beherbergen und pflegen, fallen unter die volle Anwendung des neuen Heimgesetzes, d. h. werden von einer Regulierungswut und Verordnungsmacht getroffen, die beinahe schon hysterisch-paranoide Züge annimmt, da eigentlich so ziemlich nichts ungeregelt und unverordnet bleibt. Rechtsverordnungen diktieren die bauliche Ausgestaltung der Einrichtungen hinsichtlich Grösse, Barrierefreiheit und Beschaffenheit, fordern Personalschlüssel, Fachkraftquote, Qualifizierungen von Einrichtungsleitung, Pflegedienstleitung und Fachbereichsleitung, dringen auf Durchsetzung der Bewohnerrechte, der Wahl eines Bewohnerbeirates, der Bildung eines Fürsprechergremiums und natürlich soll wieder alles regelmässig durch die zuständigen Behörden, die staatlichen Heimaufsichten, geprüft werden, wobei diesmal auch der Prüfbericht der Heimaufsichten neben den Prüfberichten der Medizinischen Dienste in den Einrichtungen nicht nur &#8220;öffentlich&#8221; ausgehängt sondern auch jedem Neukunden vor Unterzeichnung des Heimvertrages ausgehändigt werden muss, was wiederum und irgendwie nachvollziehbar belegt werden soll.</p>
<p>Demgegenüber erfreuen sich die ambulant betreuten Wohngemeinschaften, welche durch einen Anbieter betrieben werden, die also ebenfalls einen rein kommerziellen Charakter besitzen, auch und gerade wenn sie so genannt frei-gemeinnützig sind, erstaunlicher Freiheiten. Die Qualität des Wohnens hat lediglich „angemessen“ zu sein und unter angemessen versteht das Sozialministerium: „…wenn zumindest für jeweils vier Personen in der Wohnung ein Waschtisch, eine Dusche und ein WC verfügbar sind und die Grundfläche der Wohnung einschliesslich der Küche, des Sanitärbereichs, des Flurs, der Vorräume und Abstellflächen (ohne Kellerräume) (! &#8211; r<strong>p</strong>) für jede Bewohnerin und jeden Bewohner eine Fläche von 25 qm aufweist.“ Keine Rede von Barrierefreiheit, von Aufzügen, Mindestgrösse der Zimmer, Pflegebad, Hygiene etc. Ähnlich anbieterfreundlich zeigt sich der Gesetzentwurf auch hinsichtlich der personellen Ausstattung, hier wird lediglich gefordert, dass die „Beschäftigten“ eine irgendwie persönliche und fachliche Eignung (konkreter wird der Gesetzestext hier nicht) für die zu leistende Tätigkeit haben. Der Anbieter einer ambulant betreuten Wohngemeinschaft hat demnach nur sicherzustellen, dass „(i)m erforderlichen Umfang eine Präsenzkraft täglich anwesend ist; erforderlich ist (…) in der Regel eine Präsenz von 24 Stunden täglich…“ In diesem Zusammenhang verwundert es dann schon nicht mehr, dass die anbieterbetriebenen Wohngemeinschaften nur in den ersten drei Jahren der „Gründungsphase“ regelmässig durch die Heimaufsichten kontrolliert werden sollen und danach nur noch anlassbezogen, d. h. wenn den Heimaufsichten Mängel bereits und vielleicht bekannt geworden sind.</p>
<p>Es ist ein seltsam Ding dieser Gesetzentwurf, spricht er doch zu Engel und Teufel gleichermassen. An die Teufel der stationären Einrichtungen, denen man offensichtlich alles liederliche zutraut, denen man schutzbedürftige Menschen mit Demenz nicht einfach ausliefern will, weshalb sie unter strengen gesetzlichen Schutz gestellt werden, was zu Folge hat, dass die Teufel der stationären Einrichtungen durch den Gesetzentwurf und den ihn flankierenden Verordnungen unablässlich geschurigelt, gemassregelt, geprüft, kontrolliert und beaufsichtigt werden; und an die Engel der ambulant betreuten Wohngemeinschaften, an jene mit den reinen Herzen, denen Stuttgart offenbar nichts böses zutraut, weshalb man ihnen eine unkontrollierte, billig zu habende und <a href="http://www.reformpflege.de/2012/07/bahrs-pflege-eldorado-ambulant-ist-das-neue-stationar/" target="_blank"><span style="text-decoration: underline;">äusserst lukrative Spielwiese</span></a> eröffnet, auf der so ziemlich alles erlaubt ist. Und das ist nicht nur seltsam, das ist auch noch schizophren, denn wer &#8211; glauben die Herrschaften in Stuttgart &#8211; werden denn die Betreiber und Anbieter der neuen ambulant betreuten Wohngemeinschaften sein? Es werden grösstenteils jene sein, die bereits stationäre Einrichtungen betreiben. Es werden die mutmasslichen Teufel sein, die mittels dieses Gesetzentwurfes, wenn er denn so Gesetz wird, als Engel in ihren Himmel aufsteigen.</p>
<p><strong>Nachtrag: reform</strong>pflege<strong> begrüsst ausdrücklich die Anerkennung von Pflege-WGs als alternative Wohn- und Pflegeform. reform</strong>pflege<strong> stellt aber auch fest, dass der Staat eine Fürsorgepflicht gegenüber seinen schwächsten Bürgern, den Menschen mit Demenz, hat, die mit zunehmender Demenz ihre Interessen nicht mehr selbst vertreten können. Diesen Menschen den staatlichen Schutz zu entziehen ist nicht nur grob fahrlässig sondern eigentlich ein Skandal, zumal der vorliegende Gesetzestext das Schutzbedürfnis dieser Menschen, so lange sie nur in stationären Einrichtungen leben, wenn auch überzogen aber im Grundsatz sachlich richtig und explizit anerkennt, sich seiner Fürsorgepflicht aber entledigt, sobald sie in eine andere Wohnform umziehen.</strong></p>
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		<title>Breaking News 12</title>
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		<pubDate>Mon, 15 Apr 2013 18:47:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Oliver Zajac</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Und für all jene, die immer noch das Messer zwischen den Zähnen haben, ein kleiner Artikel, der hier nachzulesen ist und der zusammengefasst verlautbart, dass das Familienministerium eine Studie zur Kinderbetreuung veranlasst hat und dass das damit beauftragte ifo-Institut, Leibniz-Institut für weninteressiertdaseigentlich, herausgefunden hat, was ohnehin jeder wissen könnte, auch wenn jeder keine Ministerin ist, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Und für all jene, die immer noch das Messer zwischen den Zähnen haben, ein kleiner Artikel, der <a href="http://www.sueddeutsche.de/politik/studie-des-familienministeriums-kinderbetreuung-finanziert-sich-selbst-1.1649430" target="_blank"><span style="text-decoration: underline;">hier</span></a> nachzulesen ist und der zusammengefasst verlautbart, dass das Familienministerium eine Studie zur Kinderbetreuung veranlasst hat und dass das damit beauftragte ifo-Institut, Leibniz-Institut für weninteressiertdaseigentlich, herausgefunden hat, was ohnehin jeder wissen könnte, auch wenn jeder keine Ministerin ist, dass nämlich Eltern, die arbeiten, durch ihre Arbeit einen Grossteil der Kosten erwirtschaften, mit denen der Staat die Betreuung ihrer Kinder bezahlt, damit sie eben arbeiten können, und dass doch tatsächlich &#8211; und wer hätte das gedacht &#8211; ein nicht eben unerheblicher Zusammenhang zwischen der Qualität bzw. Zuverlässigkeit der Betreuungsangebote des Staates und der Fertilität (ifo-deutsch für Fruchtbarkeit) seiner Bürger besteht oder anders ausgedrückt: Je besser die öffentlichen Betreuungsangebote für Kinder, desto mehr Kinder.</p>
<p>Und für so eine einfache Wahrheit braucht das Familienminisiterium eine Studie. Das hätte Frau Ministerin hier billiger nachlesen können.</p>
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